Hamburger Abendblatt

Der Einkauf

15. März 2013

Was waren wir naiv.

Es ist Freitag, 13 Uhr, und der Edeka an der Osterstraße in Eimsbüttel ist brechend voll. Eigentlich hatten wir ja gedacht, alle Welt geht am Sonnabend einkaufen, so wie wir normalerweise auch – aber nein, auch Freitag zur besten Mittagszeit schiebt hier jedermann seinen Einkaufswagen durch die engen Regalreihen: Mütter mit Kindern, Studenten, Singles, Paare, Senioren. Und: wir. Nina Paulsen und Oliver Schirg, Reporter beim Hamburger Abendblatt, und Michael Rauhe, Fotograf. Unsere Einkaufsliste ist lang, mindestens so lang wie unsere Gesichter, als wir den Andrang sehen. Naja, da kann man wohl nichts machen. Also rein ins zweifelhafte Vergnügen, bzw. rein in den Supermarkt.

Erste Station: Die Obst- und Gemüseecke. Was brauchen wir? Äpfel, natürlich. Wir wollen ja die Lebensmittel kaufen, die man normalerweise so kauft. Viele Standards, ein bisschen Exotik, ein bisschen Fertigware. An eine Statistik halten wir uns dabei nicht, eher an unser Gefühl. Und Äpfel, die gehören nach unserem Gefühl bei einem herkömmlichen Einkauf dazu. Gleich drei Sorten, das Kilo zu je 1,99 Euro, packen wir deshalb erst in die durchsichtigen Plastiktüten und dann in unseren Wagen. Breaburn, Holsteiner Cox, Boskop. Man kann ja nie wissen. Außerdem: Bananen. Wir nehmen die Bio-Variante aus Costa Rica. „Haben Sie auch Bananen von den Kanaren?“, wollen wir von der Mitarbeiterin in der Obstecke wissen. Nein, von den Kanaren nicht. Nur aus Mittel- und Südamerika.

In der Obst- und Gemüseabteilung

Auf unserer Liste stehen außerdem Orangen, die kommen aus Spanien. Sicherheitshalber nehmen wir noch das Papier mit, in das manche der Orangen in der Kiste eingewickelt sind. Könnte ja sein, dass sich wichtige Informationen darauf finden. Wir brauchen noch Kartoffeln und Zwiebeln. Auf dem Preisschild steht, dass beides vom gleichen Hersteller in der Nähe von Lüneburg kommt. Und dann fehlen noch Tomaten. Es gibt mehrere zur Auswahl, wir entscheiden uns für den Gewächshaus-Klassiker aus den Niederlanden.

Weiter geht es zum Kühlregal. Wir brauchen Milch, Butter, Joghurts. Außerdem suchen wir eine Packung Räucherlachs aus, Zuchtlachs um genau zu sein, aus einer Aquakultur in Norwegen. Jedes Produkt fotografieren wir, bevor wir es in den Wagen legen, damit wir auch nichts vergessen. „Ich habe Hunger“, sage ich. Oliver und Michael nicken. Sie auch. So ist das, wenn man kein Mittag hatte und von lauter Essen umgegeben ist. Jetzt die Käsetheke. Hier arbeitet Urte Bliesch, eine nette Verkäuferin, die uns einen Schweizer Käse empfiehlt – und ein paar Käsehäppchen zum Probieren gibt. Das dämpft den Hunger etwas. Danke, Frau Bliesch.

Käsetheke

Wir lernen außerdem kennen: Florian Bandelt, er verkauft uns Hähnchenbrustfilets. Kenneth Ott, der sich mit Rind und Schwein bestens auskennt und Veli Karasu, der uns ein gutes Stück frischer Leberwurst abschneidet. Unser Wagen füllt sich langsam. Fotograf Michael bekommt noch ein paar Käsehäppchen und teilt sie brüderlich mit uns. Wir sind jetzt schon eine Stunde im Supermarkt.

Dann: Das Tiefkühlregal. Zwei Klassiker wollen wir mitnehmen. Fischstäbchen und eine Pizza, wir entscheiden uns für vegetarische Varianten. Neben dem Hunger entwickelt sich ein schlechtes Gewissen, weil wir den normalen Einkäufern mit unseren Foto-Einlagen permanent den Zugang zu den Lebensmitteln versperren. Interessantes Detail: Auf der Fischstäbchen-Packung entdecken wir einen QR-Code, den man mit einem speziellen Handy-Programm scannen kann um die Herkunft des Fischs zu erfahren. Das probieren wir direkt aus. Auf dem Display erscheint ein Satellitenfoto von Nordwest-Alaska, Beringsee.

Wir lassen die Minusgrade von TK-Bereich und Alaska hinter uns und schieben unseren Wagen weiter in den Kaffee-und-Marmeladen-Gang. Wir entscheiden uns für Schwarzbrot UND Brötchen. Außerdem eine Packung Haferflocken. Marmelade muss auch mit. Nutella sowieso. Heißt es eigentlich das oder die Nutella? Darüber muss noch diskutiert werden. Wichtiger ist aber: Es gibt Jumbo-Gläser.

Nutella

Wir brauchen noch Zucker und Salz, gehen dann in den nächsten Gang und nehmen mit: Kaffee, Kekse, Schokolade, Gummibärchen. Eis. Das leckere mit den vielen Keks-Stückchen von Ben& Jerry’s – und die Sorte klingt verheißungsvoll: „New York Super Fudge Chunk“.  Die Mägen knurren. Nochmal zu den Fertiggerichten. Eine Dose Hühnersuppe, ein Glas saure Gurken, eine Packung Nudeln mit Fertigsoße. Zwei Stunden Edeka bis dahin. War eigentlich jemals jemand so lange hier?

Wir kommen endlich zu den Getränken. Hier wird es interessant. Zuerst das Weinregal. Den Karibik-Rum lassen wir stehen, greifen dafür zum Wein. Gewürztraminer. Natürlich braucht man auch Mineralwasser und, wie es sich in Hamburg gehört, Bier. Wir greifen zur sympathischen Astra-Knolle. Holsten ist natürlich auch lecker. Fest steht so oder so: Diese Reise zum Produktionsstandort wird schon einmal nicht besonders lang, wir wissen, gebraut wird in Hamburg. Eine Flasche Cola muss auch mit. Coca-Cola, das Original.

Über dem Regal nebenan steht das Schild „Tiernahrung“. In dem Regal stehen aber Chips und Co. Naja. Wir sind zu hungrig, um zu lachen. Im Einkaufswagen türmt sich langsam aber sicher ein beachtlicher Berg.

Ein letzter Check: Haben wir auch nichts vergessen? Wir gehen unsere Einkaufsliste durch. Nein, sicher nicht. Ab zur Kasse. Das heißt, so nah dran, wie es geht. Denn die Schlange ist lang.

Einkaufswagen

 

Wir legen schließlich alle unsere Produkte aufs Band, dazu fünf Plastiktüten. Erst auf dem Weg zum Markt haben wir im Radio eine Reportage darüber gehört, wie der ganze Plastikmüll, den die Menschheit produziert, die Umwelt verschmutzt. Naja, einzeln nach Hause tragen können wir die Sachen aber auch nicht.  Dann die Rechnung: 116 Euro.

Fast drei Stunden, bis wir endlich durch sind und alles verpackt haben. Wir gönnen uns beim Bäcker im Eingangsbereich des Marktes Kaffee und Kuchen. Wir finden, dass wir uns das jetzt auch verdient haben.

von Nina Paulsen/Fotos: Michael Rauhe

2 Reaktionen zu “Der Einkauf”

  1. joachimam 24. März 2013 um 13:06 Uhr

    Statt der Plastiktüten hätten es doch auch Papier- oder Stoffbeutel sein können. Gerade wenn man über die Berge von Plastikmüll und deren Folgen Bescheid weiß! Noch besser bringt man seine eigenen Beutel einfach mit…
    Umweltschutz fängt im Kleinen an. Das Tolle: Jeder kann mitmachen!

    Von dieser kleinen Kritik abgesehen, lese ich den Blog sehr gerne und freue mich, dass sie dadurch ein Bewusstsein für ökologisch sinnvollen Konsum stärken!

  2. Nina Paulsenam 24. März 2013 um 18:42 Uhr

    Lieber Joachim, da haben Sie Recht. Nicht umsonst haben wir uns dabei ja auch unwohl gefühlt…. Immerhin sechs Millionen Tonnen Plastik landen jedes Jahr in unseren Meeren, da kann wirklich jeder selbst etwas tun. Deshalb: Das nächste Mal denken wir an die Stoffbeutel!
    Herzliche Grüße
    Nina Paulsen

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