Hamburger Abendblatt

„Hühner sind keine Maschinen“

22. März 2013

Das Produkt: Eier. Herkunft: Nessendorfer Mühle. Entfernung: 127 Kilometer.

Der Anruf kommt am frühen Morgen gegen halb sieben Uhr. Ihm seien die Eier ausgegangen, erzählt der Hamburger Lebensmittelhändler am anderen Ende des Telefons. Ob er nicht heute noch 1800 Stück bekommen könne. Kurt Schultz zögert nicht lange. In spätestens drei Stunden werde er da sein, sagt er und legt auf. Wenig später sitzt Schultz in seinem Auto und befindet sich auf dem gut 150 Kilometer langen Weg nach Hamburg.

Später am Nachmittag erwartet er uns auf seinem Bauernhof Nessendorfer Mühle im Norden Schleswig-Holsteins, inmitten eines kleinen Wäldchens. Die Hohwachter Bucht ist nur ein paar Kilometer entfernt. Wer ihn besuchen will, muss von der Landesstraße 258 rechts abbiegen. Hohe Bäume säumen den Weg. Im Sommer bilden ihre Blätter ein grünes Dach, jetzt fegt eisiger Nordwind über die Straße.

In dritter Generation führt Kurt Schultz den Hof. Groß und schlank ist er, seine Gesichtszüge ungewöhnlich apart. Gar nicht so, wie man sich einen Bauern vorstellt. „Rund 1900 Hühner sind hier untergebracht“, sagt er, als wir einen seiner Ställe betreten. Bestialischer Ammoniakgeruch raubt uns für einen Moment den Atem. Hängelampen sorgen für schummriges Licht. Für einen Hühnerstall ist es relativ ruhig, das Gackern der Tiere klingt entspannt.

Ein Großteil der Hühner stolziert über dem Drahtgeflecht hin und her. Hier verläuft der Futtertrog und sind die Tränken angebracht. Etwas erhöht und abgeschottet liegen die Legenester. Einige Hühner haben es sich auf einer der Stangen bequem gemacht. Wieder andere scharren auf einer mit Stroh ausgelegten Freifläche, die gut ein Drittel des Stalls einnimmt.

Normalerweise öffnet Schultz vormittags die Stallluken und lässt die Hühner hinaus in den Garten. Jetzt, draußen liegt der Schnee zentimeterhoch, bleiben die Luken geschlossen. „Die Hühner würden zwar trotz des Winterwetters rausgehen, aber wir wollen nicht, dass der Stall auskühlt“, sagt der Bauer zur Begründung. Etwa 14 Grad sind es im Stall. „Hühner sind sehr anpassungsfähig.“

Vor allem aber sind sie produktiv. Im Durchschnitt lege jede seiner Hennen 280 Eier im Jahr, erzählt der Bauer. Rund 22.000 Hühner leben auf seinem Hof. Mit rund zehn Prozent an Zukäufen komme er auf fast sieben Millionen Eier im Jahr. „70 Prozent davon gehen nach Hamburg“, sagt Schultz. Jedes dritte Ei findet den Weg nach Berlin.

Stangen und Vertrebungen bieten den Hühner weitere Aufenthaltsmöglichkeiten

Stangen und Vertrebungen bieten den Hühner weitere Aufenthaltsmöglichkeiten

Auf die Frage, warum er Eier zukaufe, lächelt Kurt Schultz. „Hühner sind keine Maschinen“, sagt er. Manchmal legen sie mehr Eier, manchmal weniger. „Unsere Kunden wollen aber mit jeder Lieferung die gleiche Menge haben.“ Durch Zukäufe gleiche er „natürliche Schwankungen“ aus. „Klar ist aber auch, dass der Kunde am Stempel auf dem Ei erkennen kann, wenn es nicht von unserem Hof ist“, sagt Schultz.

In gut 20 Geschäften können die Hamburger die Eier von der Nessendorfer Mühle kaufen. Zu den günstigsten gehören sie nicht. „Freilandhaltung hat ihren Preis“, sagt der Bauer. Hinzu kommt, dass gut 20 Prozent seiner Eier Bio-Eier sind, für die besondere Vorschriften gelten. Eine davon: Hühner dürfen nicht mit Antibiotika behandelt werden. „Das bedeutet ein nicht unerhebliches wirtschaftliches Risiko: wenn eines der Tiere krank wird, kann das den ganzen Stall betreffen.“ Grundsätzlich hält Schultz eine artgerechte Tierhaltung aber für unabdingbar. Seine Hennen haben mehr Platz als Hühner, die in größeren Ställen untergebracht sind. Mehr als 3000 Tiere in einem Stall hält der Bauer ohnehin für zu viel. „Ich gehe jeden Morgen durch meine Ställe, prüfe, ob Futter und Wasser da sind, sammle verlegte Eier aus der Stroheinstreu und schaue, ob ein Huhn über Nacht gestorben ist.“

Auch wenn das fast schon zärtlich klingt, ist Kurt Schultz Geschäftsmann. Er weiß darum, dass sein wirtschaftlicher Erfolg von der Metropole Hamburg mit seinen vielen gut verdienenden Einwohnern abhängt. „Diese Leute sind oft bereit, etwas mehr für Lebensmittel zu bezahlen, wenn sie sich sicher sein können, dass alles mit rechten Dingen zugeht.“ Beim Futter für die Hühner etwa. Seine Hühner bekommen Futter mit einem hohen Anteil an Weizen und Mais. „Und wir garantieren, dass keine Antibiotika enthalten sind.“

Mit den Großen in der Branche, die Zigtausende Hühner in einem Stall zusammenpferchen, will Schultz nicht mithalten. „Wir sind ein über die Jahrzehnte gewachsener Betrieb“, sagt er und öffnet eine Schiebetür, die ein quietschendes Geräusch von sich gibt. Wir stehen in einer hell erleuchteten Halle. Ein Band transportiert Eier. Wie an der Gepäckkontrolle am Flughafen werden sie durchleuchtet. „Eier mit Haarrissen in ihrer Schale sortieren wir aus“, sagt Schultz. Dann wird jedes Ei gewogen, durch die geeichte Maschine sortiert und auf Pappen oder in die 4er-, 6er- oder 10er-Verpackungen verpackt.

Kurt Schultz

Kurt Schultz

Obwohl das ziemlich automatisiert aussieht, beschäftigt Schultz neun Arbeitskräfte. Soziale Verantwortung ist das, aber auch Einsicht, dass eine Ausweitung der Produktion immer ein wirtschaftliches Risiko bedeutet. Ein Risiko, das Schultz wohl auch deshalb nur in kleinen Schritten eingeht, weil seine Eierproduktion „ein Job, aber nicht mein Leben ist“, wie er sagt.

Wir sitzen bei einer Tasse Kaffee in seinem Wohnhaus. Ehefrau Bärbel hat sich zu uns gesetzt. „Wir haben uns vorgenommen, alle zwei Wochen einen freien Nachmittag zu nehmen.“ Kunst hat es den beiden besonders angetan. Bilder befreundeter Maler hängen in ihrer Wohnung, eine Bronzefigur zieht alle Blicke auf sich. Als wir ihn auf seine Liebe zur Kunst ansprechen, schaut Kurt Schultz verlegen und sagt dann: „Ein Bauer, der in Kunstausstellungen geht? Das glaubt doch kein Mensch.“ (Text: Oliver Schirg/Fotos: Michael Rauhe)

 

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