Hamburger Abendblatt

Kleine Quelle für flüssiges Gold

27. März 2013

Wasser ist unser wichtigstes Lebensmittel überhaupt. Bis zu 60 Prozent des menschlichen Körpers bestehen aus Wasser, täglich müssen wir trinken, am besten zwei Liter. Obwohl das Leitungswasser in Deutschland gut ist, greift die Mehrheit zum Mineralwasser aus der Flasche – und der Markt boomt. Zu Besuch bei der Fürst-Bismarck-Quelle, Tochter des weltweit größten Wasserhändlers Nestlé.

von Nina Paulsen

Es ist ja eigentlich nichts Neues, dass Anspruch und Wirklichkeit gerade bei der Herkunft von Lebensmitteln nicht immer zusammenpassen. Ist doch klar: So wie in der Werbung sieht es in den Fabrikhallen ja selten aus. Keine saftigen Kornfelder, keine blonde Köchin, die sanft lächend in der Schüssel rührt, keine lila Kühe auf grüner Alm.

Bei meinem Besuch bei Fürst Bismarck war ich trotzdem etwas überrascht. Das liegt vor allem an mir und meinen naiven Vorstellungen, die ich von so einer Wasserquelle im Kopf hatte. Höhlen, ein tiefes Loch oder ein sprudelnder Brunnen – so etwa in der Art hatte ich mir das vorgestellt. Ganz ohne vorherige Werbung sogar.

Ehrlich gesagt, so eine Mineralwasserquelle sieht ziemlich langweilig aus. Nämlich so:

Bismarck Quelle Sachsenwald

 

Unter diesem Deckel im Sachsenwald, in 120 Metern Tiefe, saugt ein gigantischer Strohhalm das 14 Grad kalte Mineralwasser aus einer Gesteinsschicht. In den Produktionshallen wird das Wasser dann in Flaschen abgefüllt und es bleibt dabei fast genau so, wie es auch aus dem Boden kommt. Es läuft noch durch einen Sandfilter, der Eisen und Mangan herausfiltert, damit das Wasser nicht allzu metallisch schmeckt. Außerdem wird Kohlensäure hinzugefügt. Das war es aber auch schon. Die gesetzlichen Regeln, nach denen ein Mineralwasser sich Mineralwasser nennen darf, sind ziemlich streng.

Wegen der ebenfalls strengen Hygiene- und Sicherheitsvorschriften mussten ich, Fotograf Marcelo Hernandez und Abendblatt-Praktikantin Annabell Meyer Kittel, Haarnetze und Sicherheitsschuhe anziehen – und außerdem darüber Auskunft geben, ob wir gerade an Durchfall, Tuberkulose, Cholera, Schweinegrippe oder ähnlichem leiden. Wäre das der Fall gewesen, hätten wir nicht in die Halle gedurft. Aber so durften wir. Produktionsleiter Sebastian Schleiffer, hier mit im Bild, hat uns alles erklärt.

Bismarck Quelle Produktion

 

Für die Mineralwasserindustrie ist Deutschland ein Schlaraffenland. 209 Brunnenbetriebe gibt es hier und mehr als 500 Mineralwassermarken. In keinem anderen Land der Welt ist das so. 137 Liter Mineralwasser hat jeder Deutsche im vergangenen Jahr getrunken. In Norddeutschland ist Fürst Bismarck der Marktführer, es wird aber auch nur hier und kaum in anderen Teilen der Republik verkauft.

Eine Information, die man auf der Flasche nicht findet: Fürst Bismarck gehört zum größten Lebensmittelkonzern der Welt, zum schweizer Unternehmen Nestlé. Erst über die Internetseite von Fürst Bismarck kommt man darauf und so musste ich auch erst bei Nestlé in Frankfurt anfragen, um einen Termin bei der Quelle im Sachensenwald zu bekommen, der rund 25 Kilometer östlich von Hamburg liegt. Auch der Marketingchef der Nestlé Waters Deutschland GmbH, so der genaue Name der Sparte, ist extra aus seinem Büro in Mainz gekommen und war bei unserem dreistündigen Treffen dabei. Außerdem die Werksleiterin Marie-Noëlle Steininger und eben Produktionsleiter Schleiffer. Es ist für ein großes Unternehmen aber nicht unüblich, dass bei Presseterminen gleich mehrere Leute, meist Profis, mit dabei sind.

Allerdings das Thema Wasser ist für Nestlé nicht ganz unproblematisch. Vor allem nach einer ARTE-Dokumentation im vergangenen Jahr oder erst jüngst der TV-Reportage „Wem gehört das Wasser?“ wurde der Handel des Konzerns mit abgepacktem Trinkwasser vor allem in Entwicklungsländern kritisch hinterfragt. Es geht dabei vor allem um eine ethisch-moralische Dimension, nämlich ob es in Ordnung ist, in einem Land Gewinne mit dem Abpumpen und Abfüllen von Wasser zu machen, während die Bevölkerung vielleicht keinen nur nur eingeschränkten Zugang zu Trinkwasser hat. Der Konzern spricht allerdings von „verzerrten Darstellungen“. Nestlé Waters sei „ein verantwortungsvoller Wassernutzer“.

Weltweit beschäftigt Nestlé 330.000 Mitarbeiter. 110 davon arbeiten bei Fürst Bismarck im Sachsenwald. Insgesamt werden hier 115.000 Flaschen pro Stunde abgefüllt und 60 Lastwagen pro Tag mit den Kisten und Paletten beladen. Nach wie vor gibt es Glasflaschen, aber auch die Mehrweg- und Einweg-PET-Flaschen. Die Einwegflaschen werden erst vor Ort „aufgeblasen“. Der Rohling, die sogenannte „Preform“ sieht aus wie ein breites Reagenzglas:

Preform

Dass Nestlé bei kritischem Publikum nicht den allerbesten Ruf hat, beeiflusst die Marke Fürst Bismarck nach Auskunft des Marketingchefs nicht. Ich erfahre, dass die Konsumenten mit dem Wasser laut Untersuchungen vor allem die guten, alten Werte verbinden – die Werte Otto von Bismarcks. Also etwa Geradlinigkeit, klare Sprache, Familiensinn. „Ein bisschen wie bei Helmut Schmidt“, wie er uns sagt.

Vielleicht ist es auch wie bei Produktionsleiter Schleiffer. Er ist 32 Jahre alt, in Hamburg aufgewachsen und mit Fürst Bismarck groß geworden. So ähnlich ist es bei mir jedenfalls auch. Zudem wird das Mineralwasser, das rund um die Uhr hier abgefüllt wird, jede Stunde maschinell und händisch kontrolliert, in jeder Schicht außerdem von speziell geschulten Mitarbeitern verkostet, wie man mir erzählt.  Seit Jahrzehnten sei das Wasser in Beschaffenheit und Geschmack so, wie man es heute kennt.

Nach dem Besuch ist für mich klar, dass Wasser und auch der Handel damit ein spannendes Thema sind, zu dem ich noch viel viel mehr wissen will. Vor allem weil gerade in der EU darüber nachgedacht wird, die öffentliche Wasserversorgung zu privatisieren. Ich frage mich: Wie soll das gehen? Das Interesse privater Unternehmen ist schließlich, Geld zu verdienen. Dabei ist der Zugang zu Wasser ein menschliches Grundrecht, es muss sauber sein und von guter Qualität. Kann das immer mit dem Streben nach Rendite vereinbar sein?

Was meinen Sie?

 

Nachtrag  28. März 8.30 Uhr: Unsere Abendblatt-Kollegen Christian Unger und Martin Kopp haben zum Thema Liberalisierungspläne der EU in der Ausgabe zu heute Spannendes zu berichten. Hier

 

 

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