Hamburger Abendblatt

„Julius Metzinger wird sterben“

31. März 2013

Das Produkt: Wein, Gewürztraminer. Herkunft: Ilbesheim, Südliche Weinstraße. Entfernung: 627 Kilometer.

Im WeinkellerKeine Holzfässer. Keine niedrigen Decken und kein schummrig-warmes Licht. Stattdessen ragen Edelstahltanks bis zu acht Meter in die Höhe. Fußboden und Wände sind gekachelt. Neonleuchten sorgen für kaltes Licht. Rohrleitungen wohin man schaut. Der Weinkeller der Winzergenossenschaft Deutsches Weintor stimmt so gar nicht mit meinen romantischen Vorstellungen über die Weinproduktion überein.

Jürgen C. Grallath nimmt es gelassen. Als geschäftsführender Vorstand der Winzergenossenschaft hat er ohnehin mehr für das Geschäft als für Romantik übrig. Mehr als 400 Familien, die entlang der Südlichen Weinstraße Wein anbauen, gehören der Genossenschaft an. Zwischen sieben und acht Millionen Liter Wein produzieren sie im Jahr – und Grallath muss für den wirtschaftlichen Erfolg sorgen.

Abendblatt-Fotograf Bertold Fabrius und ich sind nach Ilbesheim ins südliche Rheinland-Pfalz gefahren. Aus dieser Region stammt der Gewürztraminer „Julius Metzinger“, den wir im Supermarkt gekauft haben. Die frühere Garnisionsstadt Landau ist einen Katzensprung entfernt. Zur deutsch-französischen Grenze sind es lediglich ein paar Kilometer mehr. Die Produktionsstätte der Winzergenossenschaft liegt inmitten von Weinbergen. Langgezogene Reihen von Weinreben prägen das Bild der Landschaft.

Jürgen C. Grallath, Vorstand der Winzergenossenschaft Deutsches Weintor

Jürgen C. Grallath

Trotz der milden Temperaturen an diesem vorösterlichen Tag ist vom Frühling keine Spur zu sehen. „Drei Wochen ist die Natur in diesem Jahr zurück“, sagt Grallath und streicht sich über seinen Bart. „Für die Winzer hat das etwas Gutes, weil die Gefahr von späten Frösten gering sein wird.“ Vor zwei Jahren beispielsweise, da war der Frühling arg früh im Jahr da gewesen. Dann kamen die Maifröste. „Dabei ging einiges kaputt.“

Wir sitzen in Grallaths Büro. In den Regalen stehen Weinbücher und eine Reihe Weinflaschen einträchtig nebeneinander. Wir wollen wissen, ob der Genossenschaftschef die Herkunft des Weines in unserer Flasche Gewürztraminer nachvollziehen kann. „Kein Problem“, sagt Grallath und zeigt auf eine zwölfstellige Nummer, die auf einem der Flaschenttikette aufgedruckt ist. „Fünf steht für die Pfalz, 042 für Ilbesheim, 092 für das Deutsche Weintor, 207 für die 207. Füllung und 10 für das Jahr 2010.“

Dann bittet Grallath seine Mitarbeiterin um Hilfe bei der Suche in den Akten. Nach einige Minuten werden beide fündig. „Für diesen Gewürztraminer haben neun Winzer insgesamt 24.686 Kilogramm Trauben geliefert“, liest er aus den Unterlagen vor. 18.000 Liter Wein seien aus dieser Menge Trauben gemacht worden. Selbst die genaue Liefermenge jedes Winzers kann Grallath angeben. Die kleinste lag bei 234 Kilogramm, die größte bei 2810 Kilo.

Das Wissen um die Herkunft der Trauben habe viel mit dem Anspruch an die Qualität des Weines zu tun, sagt Grallath wenig später. Wir sind inzwischen auf dem Weg zur Station sind, wo die Winzer die Trauben anliefern. „Wir haben sämtliche Flächen unserer Winzer digital erfasst, so dass wir genau sagen können, wo unsere Reben stehen.“

Das ermöglicht unangekündigte Kontrollen. Dabei wählt ein Zufallsgenerator die jeweilige Fläche aus. Drei unabhängige Prüfer machen sich auf den Weg. Sie laufen durch den Weinberg, schauen sich die Trauben an, messen Säuregehalt und ph-Wert, prüfen, ob zu viel oder zu wenig Dünger eingesetzt wurde. Eine „gesunde, hochreife Traube“ ist das Ziel. Dann wird der Wein auch gut, sagt Grallath.

Zum Testen

Nur zum Testen …

Um das zu erreichen, müssen die Winzer der Genossenschaft sich einer Mengenregulierung unterwerfen. „Unsere Winzer ernten maximal 10.000 Liter pro Hektar“, sagt Grallath. „Eine maximale Ausbeute der Rebe ist nicht unser Ziel.“ Auch im Weinbau gilt: weniger ist manchmal mehr. Für die Winzer lohnt sich das Ringen um Qualität: „Zwischen 10.000 und 15.000 Euro verdienen sie pro Hektar.“

Dieser absolute Qualitätsanspruch galt nicht immer. Bis Anfang der 70er Jahre wurde in der Region Wein produziert, der eher dazu diente, „den Moselwein auf Trinkstärke herabzusetzen“, sagt Grallath lachend. Damals war es noch erlaubt, Moselwein mit Pfälzer Weinen zu verschneiden. „1971 war das dann vorbei und die Region musste sich besinnen, vernünftig zu produzieren.“

Wir stehen in einer kleineren Halle. Ein gut fünf Meter langer Edelstahlbottich ist in den Erdboden eingelassen. Hier kippen die Winzer die Trauben hinein, die dann mit Hilfe von speziellen Maschinen von den Stielen (Kämmen) getrennt werden. „Zuvor prüfen wir unter anderem das Mostgewicht, den Säuregehalt und den ph-Wert“, sagt Grallath. Trauben, die nicht der geforderten Qualität entsprechen, werden zurückgeschickt. „Da sind wir konsequent.“

Im Eingangstrakt

Hier werden die Trauben ausgepresst

Wenn die Trauben den ersten Qualitätscheck bestanden haben, gelangen sie in temperierbare Tanks. „Dort versuchen wir, mit Hilfe einer komplizierten Technik jeden Tropfen aus der Traube herauszuholen.“ Drei bis fünf Grad werden die Tanks heruntergekühlt, damit die Gärung hinausgezögert wird. „Es ist gut, wenn die Trauben morgens angeliefert werden“, erzählt Grallath und fügt hinzu: „In Südafrika wird der Wein sogar nachts gelesen.“

Wenn man den Winzer reden lässt, reiht er ein Detail an das andere. „Je aromatischer man einen Wein haben will, desto länger muss er auf der Maische stehen, ohne zu gären“, erzählt er auf dem Weg zum „Weinkeller“. In der Regel sind es fünf bis 20 Stunden. Der Gewürztraminer als besonders aromatischer Wein steht mindestens 20 Stunden.

Schild am Gewürztraminertank

Der „neue“ Gewürztraminer

Wir stehen jetzt vor dem Tank, in dem unser Gewürztraminer einst lagerte. Das kleine weiße Schild auf dem 5000-Liter-Tank weist die neue Charge als Wein-Nummer 12965 aus – 4500 Liter Gewürztraminer.

22 Liter Wein trinkt jeder Deutsche im Durchschnitt pro Jahr, sagt Grallath. Allerdings kommen davon nur neun Liter aus Deutschland. „Die Leute sind wählerischer als früher, wechseln häufiger und probieren neue Weinsorten aus.“ Darin liegen Chance und Herausforderung für die Winzer. Auch wenn hierzulande die Vorliebe für trockene Rotweine ungebrochen ist, holen aromatische Weine wie der Gewürztraminer auf.

So wichtig die Qualität eines Weines ist, allein das reicht nicht. „Wir müssen uns von anderen guten Weinen abheben“, sagt Grallath. Eine seiner Ideen hat mit der Hamburger Gewürzmanufaktur „1001 Gewürze“ zu tun. „Die beiden Inhaberinnen entwickelten Gewürzmischungen, die das Aroma unserer Weine unterstützen.“

Vor Ort in Ilbesheim

Vor Ort in Ilbesheim

Stolz erzählt Grallath die Geschichte vom Spargelwein, was ein Grauburgunder war. „Wir sind extra nach Hamburg gefahren und haben zusammen mit den Damen verschiedene Mischungen probiert.“ Herausgekommen ist eine Gewürzmischung für ein Spargelgericht. „Das war eine gute Sache.“

Am Ende unseres Gesprächs stehen wir einem Glas Wein zusammen. Ich habe mich – natürlich – für den Gewürztraminer entschieden. „Julius Metzinger wird sterben“, sagt Grallath plötzlich, lacht und fügt erklärend hinzu: „Die Marke war ein Fantasiename. Künftig wird der Wein unter dem Namen ‚Weinmacher‘ vertrieben.“ (Text: Oliver Schirg/Fotos: Bertold Fabricius)

 

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