Hamburger Abendblatt

Beim Bier kommt nur das Wasser von hier

4. April 2013

Das Produkt: Astra Bier. Die Herkuft: Hamburg. Entfernung: 4 km

Im Foyer fallen sofort zwei Dinge auf. Nummer eins: Keine Spur von Astra. Mit Sand, Seegras und Muscheln erinnert die Dekoration hier an eher den TV-Werbespot der Biermarke Jever, in dem sich ein von Staus und Handys gestresster Mann entspannt in die Dünen fallen lässt. Laut sagen sollte man das aber besser nicht. Denn das hier ist ja schließlich die Holsten-Brauerei, in der neben der Namen gebenden Marke unter anderem auch das Astra hergestellt wird – und das Jever eben nicht.

Zweite Auffälligkeit: Frauen kommen offenbar nicht so oft hierher. Auf einem kleinen Glastisch im Foyer sind zwei Stapel mit Zeitschriften für wartende Besucher arrangiert. Auf dem rechten Stapel ganz oben liegt eine Ausgabe des Grill-Magazins „Beef“. Titelgeschichte ist eine Schritt-für-Schritt-Anleitung, die verrät, wie man zum „König der Würste“ wird. Auf dem linken Stapel liegt eine Ausgabe des „Focus“, Top-Thema „Was Männer wirklich wollen“. Das Wort „Männer“ ist besonders groß geschrieben.

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Das alles ist kein Wunder. Kein alkoholisches Getränk wird in Deutschland so oft getrunken wie Bier. Durchschnittlich 107 Liter laufen jedes Jahr unsere Kehlen herunter. Das besagt zumindest der statistische Pro-Kopf-Verbrauch, der für ein Getränk wie Bier aber nicht wirklich repräsentativ ist. Denn vor allem Männer trinken Bier, sieben Mal so viel wie Frauen. Insofern ist das Foyer der Holsten-Brauerei nicht nur Klischee, sondern einfach gelebte Wahrheit.

Das Astra, dass das Abendblatt für sein Projekt in den Einkaufswagen gelegt hat, ist noch mehr Männermarke als andere. „Astra ist Kult, Astra ist Hafen, Astra ist rau“, sagt Olaf Rauschenbach. Er muss es wissen, denn er ist hier der Braumeister. Rauschenbach ist 49 Jahre alt, hat eine ruhige Stimme, graue Haare und ein charismatisches Gesicht. Wohl auch deswegen hängt er als überdimensionales Schwarz-Weiß-Foto an der Außenwand der Brauerei um für Autofahrer und Fußgänger Werbung für Holsten zu machen. Selbst von der vorbeifahrenden S-Bahn aus sieht man das Plakat.

Gemeinsamer Mutterkonzern von Holsten und Astra ist Carlsberg, zu ihm gehören auch noch Duckstein und Lübzer. 1,7 Millionen Hektoliter werden hier in Altona jedes Jahr gebraut. Das Astra ist dabei das Bier, das den kürzesten Weg hinter sich hat, bevor es getrunken wird. 90 Prozent aller Astra-Biere entstehen und enden in Hamburg, vor allem in St. Pauli, St. Georg, auf der Schanze oder in Altona. „Wobei mittlerweile auch immer mehr Kneipen und Diskotheken in München, Düsseldorf oder Berlin das Astra für sich entdecken“, sagt Rauschenbach.

Erst seit zehn Jahren wird das Astra unter dem Dach der Holsten-Brauerei gebraut, bis 2003 gehörte es noch zur Bavaria-St.Pauli-Brauerei. Es ist damit zwar ein typisches Hamburger Bier, durch seine exakt vier Inhaltsstoffe allerdings internationaler, als man vermuten könnte. Allein der Haupt-Rohstoff Wasser kommt aus Hamburg. Etwa 70 Prozent der benötigten Menge fließen schlicht aus der Leitung. Die übrigen 30 Prozent holt die Brauerei aus dem hauseigenen, etwa 80 Meter tiefen Brunnen auf dem Gelände. Falls in Altona irgendwann einmal die Wasserversorgung zusammenbrechen sollte, ist der Holsten-Wasserbrunnen auch der Notbrunnen für den ganzen Bezirk.

astra2Rohstoff Nummer zwei ist Malz. Malz ist gekeimtes und getrocknetes Getreide, das für das Bier wichtige Enzyme enthält. Für untergärige Biere wird Gerstenmalz verwendet, für obergärige Biere Weizen, Roggen oder Dinkel. Bei Holsten in Hamburg werden aber nur untergärige Biere gebraut. Das Gerstenmalz hierfür wird in großen unterirdischen Tanks auf dem Gelände der Brauerei gelagert. Das Malz kommt sowohl aus der Hansestadt als auch aus Erfurt – der größte Teil aber wird aus Dänemark importiert. Das liegt vor allem daran, dass in Deutschland immer weniger Braugerste angebaut wird. Der Anbau von Zuckerrüben und Mais – also von Energiepflanzen – ist für Landwirte heute oft lukrativer.

Importware ist auch der Hopfen. „Wir müssen ihn dort kaufen, wo er angebaut wird“, sagt Rauschenbach. Und das ist zum einen in Bayern – und zum anderen in den USA. Das größte Anbaugebiet dort liegt im Bundesstaat Washington im Nordwesten, direkt an der Grenze zu Kanada. Der Transport ist natürlich teuer – und die Umweltbelastung durch den langen Lieferweg hoch. „Wir können das dadurch ausgleichen, dass wir große Mengen auf einmal abnehmen und immer voll beladen“, sagt Rauschenbach. Bleibt zum Schluss die Hefe. Sie kommt von einer Hefebank aus Kopenhagen, die von Carlsberg selbst betrieben wird.

Rauschenbach kennt den Biermarkt und das Brauereigeschäft aus dem Effeff. Seit 23 Jahren ist er schon bei Holsten beschäftigt und damit Experte. Woran er trotzdem verzweifelt ist die Tatsache, dass es der Wein ist, der als stilvolles Genussmittel anerkannt ist, das Bier aber mit seinem Image zu kämpfen hat. Und tatsächlich ist der Verbrauch in den vergangenen Jahren massiv eingebrochen. In der 70er Jahren lag der Pro-Kopf-Verbrauch noch bei rund 150 Liter Bier – 43 Liter mehr als heute. Und dann ist da eben noch die Sache mit den Frauen, denen herkömmliches Bier oft zu herb ist. Zwar wurde in den letzten Jahren mit zahlreichen Biermischgetränken unterschiedlichster Geschmacksrichtungen experimentiert – ihren Gipfel hat diese Entwicklung aber schon wieder überschritten. Viele Sorten wurden nach einem kurzen Testlauf eingestellt.

Beim Astra hat man allerdings die Finger vom Herumprobieren gelassen. Es gibt das Urtyp, die Rotlicht-Version mit mehr Alkohol und die ebenso intensivere Arschkalt-Variante. Wer es weicher mag, trinkt das Astra-Alsterwasser. Und das war’s, Männer-Getränk hin, Männer-Getränk her. Rauschenbach sagt: „Chichi funktioniert bei dieser Marke nicht.“

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