Hamburger Abendblatt

Der Letzte seiner Art

10. April 2013

Das Produkt: Salz aus Bad Reichenhall. Entfernung: 920 Kilometer

Am Anfang war das Salz. So muss man das bei Alfons Brümmer wohl sagen, denn schon als Kind ist er in der alten Saline in Bad Reichenhall ein- und ausgegangen, weil sein Onkel dort als Hausmeister gearbeitet hat. Heute verdient Brümmer hier selbst sein Geld. Als letzter Brunnwart, den es in Deutschland noch gibt. 

Alfons Brümmer

Allerdings wird in der alten Saline seit 1927 kein Salz mehr gesiedet, sondern nur noch in der neuen Saline, einem unscheinbaren grauen Komplex wenige Minuten Fußweg entfernt. Die alte Saline ist ein im römisch-byzantinischen Stil gehaltener Bau mit imposantem Eingang, spitzem Dach und einer eigenen Kapelle, in der die Bad Reichenhaller heute gern heiraten und sonntags zur Messe gehen. »Wissen’s, wie der Pfarrer heißt?«, fragen die Einheimischen den Ortsunkundigen beim Thema Salinen-Kapelle gern. Denn: Der Pfarrer heißt Prediger. Also Herr Prediger, weil dies nun einmal sein Nachname ist.

Das Salz ist nicht nur für den 59 Jahre alten Brümmer, sondern für die ganze Stadt identitätsstiftend. Schon Hunderte Jahre vor Christus haben die Kelten hier Salz gesiedet, danach die Römer, die Kirche oder König Ludwig – und heute eben die Firma Südsalz, bei der Brümmer angestellt ist und die die Bad Reichenhaller Saline betreibt. Kein Salz wird in Deutschland so oft verkauft wie das von hier. Meistens in der runden gelben Dose mit einem Bild von einem Berg und einer grünen Wiese darauf. 300.000 Tonnen Salz produziert die Saline in Bad Reichenhall jedes Jahr, was als Speisesalz in Supermarktregalen endet, zu einem großen Teil aber auch als Lastwagenladung zu Lebensmittelriesen von Nestlé bis Unilever für deren Fertiggerichte gefahren wird. Der Mensch nimmt nur ein Fünftel seines täglichen Salzkonsums durch Würzen auf – die anderen vier Fünftel kommen aus Pizza, Konserven oder Wurst. Sechs Gramm Salz werden von Experten pro Tag empfohlen. Der Durchschnittsdeutsche isst zwölf – das Salzgeschäft läuft. 2012 konnte Bad Reichenhaller Umsatz und Absatz im niedrigen einstelligen Prozentbereich steigern – auch wenn nicht bekannt gegeben wird, wie hoch der Umsatz ist.

Saline Bad Reichenhaller

Die Saline von Bad Reichenhaller – hier wird seit 1927 das Salz aus den Bergen gesiedet

Bad Reichenhall liegt mit seinen 17.000 Einwohnern in einem Tal im Berchtesgadener Land – und wohin man schaut, schaut man auf schneebedeckte Berge. Hinter der neuen Saline liegt der markante 1771 Meter hoch Gipfel des Hochstaufen. Im Rücken der alten Saline liegt in wenigen hundert Metern Österreich. In einer halben Stunde ist man mit der Bahn in Salzburg, was man auch daran sieht, dass an jeder zweiten Litfasssäule in Bad Reichenhall für Mozartkugeln geworben wird. Statt einem »Hallo« hört man hier ein aufgeräumtes »Grüß Gott«.

Natürlich auch von Alfons Brümmer. Als Brunnwart besteht sein Job im wesentlichen darin, die alte Saline, die heute Museum ist, zu verwalten. Er organisiert die Touristenführungen durch das Gebäude und die nasskalten Gänge und Grotten darunter, bildet Touristenführer aus, sitzt auch oft an der Museumskasse. Einen Brunnen gibt es in der alten Saline aber auch noch, aus dem die sogenannte Sole sprudelt, also aus den Tiefen der Berge gefördertes Wasser mit hohem Salzgehalt. Weil dies der letzte Salzbrunnen in Deutschland ist, ist Brümmer der letzte Brunnwart. Er muss auch darauf achten, dass sich die beiden gewaltigen 13 Meter hohen Antriebsräder im Brunnhaus so weiter drehen, wie sie es schon seit 150 Jahren tun, und die Pumpen antreiben, die die Sole nach oben bringen. Die Sole, die hier sprudelt, hat einen deutlich geringeren Salzgehalt als die Sole, die durch Pipelines aus den Bergen in die neue Saline gepumpt wird – deshalb wird sie nur noch zu Wellness-Zwecken benutzt.

Alte Saline Bad Reichenhall

Die alte Saline in Bad Reichenhall

Bei der modernen Siedesalzgewinnung gibt es keine Brunnen mehr, alles läuft unterirdisch »und voll automatisch«, wie Standortleiter Jürgen Engl sagt. In einer riesigen Dampfanlage wird die Sole gekocht, bis am Ende nur noch das Salz übrig bleibt. »3,5 Kubikmeter Sole ergeben eine Tonne Salz«, sagt Engl. Es wird dann noch mit aus der ganzen Welt zugeliefertem Jod, Flour oder auch Folsäure aufbereitet und gesiebt, aber damit hat es sich auch schon. Das alles passiert rein maschinell, 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche. Die meisten der 80 Mitarbeiter sind deshalb beim Verpacken eingesetzt. Im Winter wird hier auch noch Streusalz produziert – und Medizinprodukte wie Nasenspülungen und Badezusätze.

Das Salz ist noch heute Standortfaktor, hat Bad Reichenhall aber vor allem in früheren Zeiten zu einigem Wohlstand verholfen. »Salz wurde früher schließlich mit Gold aufgewogen«, sagt Brümmer. Seit 28 Jahren ist schon Brunnwart, hat sich in die Geschichte des Salzes eingelesen, »und etliche Bücher gewälzt«. Als die alte Saline 1834 nach einem Stadtbrand in Schutt und Asche lag, hat der damalige König Ludwig I. sie mit hochwertigsten Materialien wieder aufgebaut, mit Marmor, Bronze, Schmiedeeisen. Die alte Saline ist damit auch eine Art Denkmal für wirtschaftliche Macht – und erinnert mit ihrem Standort gegenüber dem Rathaus die Bad Reichenhaller regelmäßig daran. In den Sudhäusern rechts und links des Hauptgebäudes, in den früher das Salz gesiedet wurde, sind heute Arztpraxen und Restaurants untergebracht.

Früher hatte auch Brümmer hier eine Wohnung, aber als die Gebäude verpachtet wurden, musste er raus. »Da war ich richtig traurig«, sagt er. »Mein Herz hängt an der alten Saline.« Ob es nach ihm noch einen Brunnwart geben wird, weiß Brümmer nicht, aber erst einmal will er ja auch noch ein paar Jahre weitermachen. Es ist bei ihm vielleicht ein bisschen wie mit dem alten Sprichwort: Ohne Gold kann man leben, ohne Salz nicht.

von Nina Paulsen

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