Hamburger Abendblatt

Die geheimnisvolle Brause von nebenan

13. April 2013

Das Produkt: ein Liter Coca-Cola. Herkunft: Mölln. Entfernung: 55 Kilometer

Und dann hat man auf einmal das Gefühl, bei einem putzigen kleinen Getränkeabfüller irgendwo auf dem Land zu sein. In der Nachbarschaft stehen ein paar Einfamilienhäuser aus Klinkerstein, an der Ecke gibt es einen Bäcker, die Vögel zwitschern, der Wind weht den Geruch von Kuhmist von den Feldern herüber. Wenn nicht gerade ein Lastwagen vom Hof fährt, ist es hier am Rand von Mölln auch ziemlich ruhig. „Coca-Cola„, sagt Johannes Bleker, der den Betrieb leitet, „ist im Grunde ein ganz regionales Getränk. Viele nehmen das oft gar nicht so wahr.“

Nein, das tut man in der Tat nicht. Denn Coca-Cola ist eine Ansammlung an Superlativen: die bekannteste Marke der Welt, die wertvollste Marke der Welt, der größte Hersteller nicht-alkoholischer Getränke der Welt. Coca-Cola soll nach „okay“ das zweitbekannteste Wort auf der Welt sein, zumindest behauptet das der Konzern. Coca-Cola ist aber auch polarisierendes Symbol. Für westlichen Lebensstil, Amerikanismus, Globalisierung, Kapitalismus. In der DDR gab es keine Coca-Cola. Die kommunistischen Regime von Nordkorea und Kuba erlauben sie bis heute nicht. Coca-Cola, das sagen Kritiker auch, ist ein dick machendes Zuckerwasser, ohne das unsere Wohlstandszivilisation gesünder wäre.

Auf dem Hof des Coca-Cola-Abfüllstandortes in Mölln mit Vogelzwitschern in den Ohren und Landluft in der Nase sind diese Superlative ziemlich weit weg. Das mit der Regionalität, das stimmt – jedenfalls zum Teil. Zwar sitzt das Hauptquartier des Konzerns in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia, hergestellt wird die Brause für den deutschen Markt aber in Deutschland. 24 Abfüllstandorte gibt es, 20 davon in den alten Bundesländern und vier in den neuen – was an der dann doch noch nicht so lange überwundenen deutsch-deutschen Teilung liegt, aber auch an der geringeren Besiedelung Ostdeutschlands. Wenn alles nach Plan läuft, beliefert jeder Standort die Region, in der er sich befindet. Coca-Cola aus Mölln etwa ist in Hamburger Supermärkten erhältlich, in München in der Regel nicht.

Das Unternehmen tut viel dafür, um sich den Anstrich des netten Nachbarn zu geben, statt den eines anonymen Megakonzerns. Die Jugendherberge in Mölln etwa hat eine Feuerstelle für laue Sommerabende bekommen, die von einigen der 252 Coca-Cola-Mitarbeitern hier ehrenamtlich aufgebaut wurde. Es gibt auch eine neue Skate-Anlage im Ort, ebenfalls zusammengezimmert von Angestellten des Getränkekonzerns, die für soziale Projekte dieser Art sogar freigestellt werden. Das alles gehört zur firmeneigenen Nachhaltigkeitsstrategie. Coca-Cola hat das allerdings nicht erfunden. Fast alle großen Konzerne, vor allem jene, denen Kritik entgegenprallt, rühmen sich gern damit, wie sehr sie sich bei sozialen Projekten, der Gesundheitsförderung oder im Umweltschutz engagieren.

Coca ColaDer nette Nachbar Coca-Cola unterstützt auch die heimische Wirtschaft. Der Zucker in dem Getränk kommt aus norddeutschen Zuckerrüben, erzählt Bleker, der schon seit 22 Jahren für den Konzern arbeitet. Neben der eigenen „roten Flotte“ aus den markanten Coca-Cola-Trucks werden auch lokale Spediteure beschäftigt, um die Getränke abzutransportieren. 90 Prozent der Zutaten, Materialien und Dienstleistungen in Deutschland sollen laut Coca-Cola von einheimischen Lieferanten kommen. Das Portfolio, das weltweit bei 500 Marken liegt, wird dabei ebenfalls national auf die verschiedenen Geschmäcker ausgerichtet. In Deutschland gibt es 70 Marken, am meisten ziehen die Klassiker: Cola, Fanta, Sprite, Mezzomix oder auch Wassersorten wie Bonaqa oder Apollinaris. Coca-Cola-Chef Muhtar Kent sagte 2011 bei der großen 125-Jahr-Feier des Konzerns in Atlanta: „Wir operieren lokal. Aber wir denken und planen global.“

Dieses globale Denken drückt sich vor allem in strengsten Vorschriften aus, nach denen überall auf der Welt, also auch hier in Mölln gearbeitet wird. Rund 150 Millionen Liter Erfrischungsgetränke wurden hier 2012 produziert – und bei keinem wird etwas dem Zufall überlassen. „Coca-Cola schmeckt überall auf der Welt gleich – und auch die Qualität soll überall auf der Welt identisch sein“, sagt Bleker. Es ist deshalb genau vorgegeben, wie die einzelnen Zutaten zusammengesetzt sind. Das Wasser wird nach den immer gleichen Vorschriften aufbereitet und hat am Ende immer die gleiche Menge an Mineralen. „Mithilfe technischer und chemischer Verfahren reinigen wir die Mehrwegflaschen intensiv, sodass dort nichts zurückbleibt und den Geschmack verfälscht.“ Der Zuckeranteil liegt immer bei 10,6 Prozent, 100 Milliliter Coca-Cola haben 42 Kalorien.

Berühmt-berüchtigt ist das genaue Rezept von Coca-Cola, insbesondere die Aromen, die anders als die Zutaten nicht einzeln auf die Flasche aufgedruckt sind. Der Legende nach kennen nur ganz wenige Menschen im Konzern die Zusammensetzung der Grundsubstanz, kolportiert wird außerdem die Vorschrift, dass diese Gruppe ähnlich wie bei Ministerkabinetten nicht zusammen im selben Flugzeug fliegen darf, weil das Rezept verloren wäre, würde die Maschine abstürzen. Bleker gehört aber nicht zu diesen Menschen. Der Grundstoff, der ein Konzentrat ist, wird in weißen großen Kanistern aus Irland geliefert und lagert in Mölln im sogenannten Sirupraum, den das Abendblatt zwar betreten, aber dort nicht fotografieren darf, weil alles so geheim ist. Selbst als Bleker einmal zu Besuch im Hauptquartier in Atlanta war, hat er die Rezeptur nicht zu Gesicht bekommen. Er wirkt so, als wenn er damit ganz gut leben kann.

Coca ColaDas Gleiche gilt für das Thema Ernährung. „Ich kann die Debatte um den Zuckergehalt der Coca-Cola nicht verstehen“, sagt er. „Ich trinke seit meiner frühen Jugend Coca-Cola, und mein Sohn tut das auch. Aber eben verantwortungsbewusst und in Maßen.“ In den USA haben Politiker allerdings das Vertrauen in das Verantwortungsbewusstsein der Amerikaner verloren. Michael Bloomberg etwa, Bürgermeister der Weltmetropole New York, hat zwar nicht Coca-Cola per se, doch aber Bechern in Übergröße den Kampf angesagt. Im Heimatland der braunen Brause werden im Kino oder bei Fast-Food-Ketten gerne Mengen von einem Liter und mehr auf einmal ausgeschenkt. Das kann dann den Kaloriengehalt einer halben Pizza haben – oder sogar mehr. Das Verbot war schon so gut wie beschlossen, wurde Mitte März 2013 aber in letzter Sekunde von den Getränkekonzernen vor Gericht gestoppt.

In Deutschland sind Übergrößen dagegen eher verpönt. Stattdessen gibt es seit April dieses Jahres sogar eine kleine 0,15-Liter-Dose Coca-Cola, wie man sie auch aus dem Flugzeug kennt. In einer Werbebroschüre von Coca-Cola liest man außerdem von verantwortungsvollem Marketing: Keine Werbung an Kinder unter zwölf Jahren, kein Verkauf an Grundschulen, keine Werbung an Schulen. Der Konzern tut aber trotzdem einiges dafür, dass die Marke Coca-Cola in aller Munde bleibt. In derselben Broschüre wird nur wenige Seiten später die „Fanta Spielplatzinitiative“ präsentiert, im Rahmen derer der Konzern 2012 für 100.000 Euro 20 Spielplätze saniert hat. Fanta hat nur unwesentlich weniger Zucker und Kalorien als Coca-Cola. Und dann ist da ja auch die neue Feuerstelle der Jugendherberge in Mölln oder die Skate-Anlage, über die nun auch Kinder und Jugendliche fahren.

In Mölln hängen im Verwaltungstrakt zwei Uhren direkt nebeneinander. Die eine zeigt die deutsche Zeit, die andere die Atlanta-Zeit in den USA. Atlanta gibt den Takt vor. Ende 2009 wurde das Ziel ausgegeben, den Umsatz bis zum Jahr 2020 zu verdoppeln. Dabei muss dann auch der kleine Getränkeabfüller aus der norddeutschen Provinz mithelfen.

von Nina Paulsen

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