Hamburger Abendblatt

Bei Erasco kommen wir nicht rein

17. April 2013

Das Produkt: Erasco Hühner-Nudeltopf. Herkunft: Lübeck. Entfernung: 68 Kilometer

Unser Abendblatt-Projekt läuft jetzt seit gut vier Wochen. Mein Besuch bei Erasco in Lübeck ist eine gute Gelegenheit, eine erste kleine Zwischenbilanz zu ziehen.

Denn bei Erasco kommt das Abendblatt nicht rein. Der Mutterkonzern Campbell’s mit Sitz in Lübeck könne mir wegen Umbauarbeiten leider kein Werksbesuch anbieten, sagt mir der Pressesprecher am Telefon. Aber eine andere Idee hat er: Ich solle statt über den Hühner-Nudeltopf doch über den Grüne Bohnen-Eintopf berichten, der sei bei den Kunden sehr beliebt. Da hätte er Bauern direkt in der Region, die ich besuchen könne. Ich sage: „Aber wir haben ja jetzt den Hühner-Nudeltopf in unserem Einkaufswagen und würden auch gern dabei bleiben.“ Tja, da könne man nichts machen, verdeutlicht er mir, leider. Aber ja, ein paar Fragen per E-Mail könne ich stellen. Ende des Gesprächs.

Ich habe keine andere Möglichkeit, als mich zunächst mit dieser Ansage abzufinden. Zwar bin ich nach Lübeck gefahren und habe ein paar nette Worte mit einer Pförtnerin gewechselt, doch umgibt das ganze Gelände ein hoher Zaun mit Stacheldraht drauf, der völlig klar macht, wo die Grenzen liegen. Jedes Unternehmen und jeder Hausherr hat das Recht zu entscheiden, wer sein Grundstück betreten darf und wer nicht.

Campbells

Doch Grenzen gibt es auch da, wo ich in den letzten Wochen Zutritt bekommen habe. Selbst wenn uns Unternehmen ihre Türen öffnen und uns Produktionsräume zeigen oder die Herkunft der einzelnen Zutaten offenlegen: Auch hier bekommen wir exakt so viele Informationen, wie man bereit ist, uns zu geben. Ziemlich wahrscheinlich werden die Hallen und Produktionslinien ausgesucht, die besonders gut aussehen. Nicht selten wird man zudem flankiert von mehreren Presseexperten, die genau aufpassen, was etwa ein presseunerfahrener Werksleiter oder Mitarbeiter auf die Fragen des Abendblatts sagt. „Hier jetzt nicht fotografieren“ oder „die Zitate möchten wir gern vorher autorisieren“ hören wir dabei immer wieder. Das ist nicht immer zufriedenstellend.

Das Autorisieren ist eine sehr deutsche Praxis, die vor allem bei Interviews mit Politikern und Promis angewandt wird: Damit sich beide Seiten sicher sein können, sich im Gespräch richtig verstanden zu haben, schickt ein Journalist die wörtlichen Zitate des Interviewten vorher an dessen Pressexperten, der die Zitate dann verändert und/oder freigibt. Manchmal ist das hilfreich, meistens aber frustrierend: Jemand, der im Eifer des Gefechts so richtig vom Leder zieht, rudert meistens zurück, wenn er seine Sätze schwarz auf weiß vor sich sieht.

Zurück zum Hühner-Nudeltopf, der übrigens tatsächlich zu den beliebtesten Produkten von Erasco zu gehören scheint – beliebter als der Grüne Bohnen-Eintopf. Nur wenige Gehminuten vom Campbell’s-Komplex entfernt gibt es einen Werksverkauf – und davor wurde eine überdimensionale Konservendose als Erkennungszeichen aufgebaut. Die Sorte der Suppe? Raten Sie mal.

Hühnersuppe

Die Recherchen sind bis dato allerdings wenig zufriedenstellend. Auf der Dose stehen die Inhaltsstoffe: Wasser, Muschelnudeln (Hartweizengrieß, Eiklar), 5% gegartes Hühnerfleisch (Hühnerfleisch, Salz), 5% Gemüse (4% Möhren, Porree), Hühnerfett, Meersalz, Aroma (enthält Ei, Soja und Sellerie), Stabilisator Guarkernmehl, Kräuter, Milchzucker, färbender Möhrenextrakt.Der Hühner-Nudeltopf

Von Erasco wollte ich also wissen, woher die einzelnen Zutaten kommen – und wie viele Hühner-Nudeltöpfe das Unternehmen in einem Jahr herstellt. Und hier die schriftliche Antwort:

„Über 90% der Zutaten, die wir für die Herstellung des zur Rede stehenden Produktes verwenden, stammen aus Deutschland. Besonderen Wert legen wir auf die Frische unserer Zutaten und verwenden deshalb frische Möhren, die wir von langjährigen Vertragsbauern beziehen. Auch die Nudeln stammen aus Deutschland. Das Hühnerfleisch beziehen wir zurzeit aus Südamerika, so dass diese Zutat folglich den größten Anteil der Inhaltsstoffe ausmacht, die nicht aus Deutschland stammen.“

Zudem seien mehr als acht Millionen Dosen Hühner-Nudeltopf im vergangenen Geschäftsfjahr produziert worden.

Weil ich trotzdem noch mehr über die Herstellung und die Herstellungsbedingungen wissen wollte, habe ich über das soziale Netzwerk Twitter Kontakt zu ein paar Personen aufnehmen können, die bei Campbell’s in Lübeck arbeiten. Aus Angst, ihren Job zu riskieren, haben alle diese Personen aber ein Interview abgelehnt – auch anonym.

Was ich aber von jemandem dort erfahren habe ist, dass stimmt, was auf den Verpackungen oder auf auf der Erasco-Homepage steht. Das Gemüse stamme tatsächlich von kleinen Vertragsbauern von hier. Bei vielen anderen Dingen nutze Campbell’s wie andere Lebensmittelunternehmen das Lebensmittelrecht aus und mache nur soweit Angaben, wie es das Gesetz verlangt, hieß es. Mehr Informationen gebe es nicht, einerseits um sich nach außen so positiv wie möglich darzustellen, andererseits aber auch, damit die Konkurrenz nicht sieht, woraus das eigene Produkt, das vielleicht ein Verkaufsschlager ist, besteht.

Interessantes habe ich zum Punkt Werksbesichtigung erfahren. An einem Umbau liegt es demnach offenbar nicht, dass das Abendblatt keinen Zutritt bekommen hat. Es sei vielmehr prinzipielle Unternehmenspolitik von Campbell’s keine Verbraucher und Journalisten in die Hallen zu lassen.

Eine Fortsetzung folgt…hoffentlich bald!

von Nina Paulsen

2 Reaktionen zu “Bei Erasco kommen wir nicht rein”

  1. Kocks Josefam 18. April 2013 um 22:40 Uhr

    Hallo .Ich habe mit Intresse ihren Bericht gelesen.

    Ich frage mich nur warum das Hühnerfleisch aus Südamerika eingeführt wird.

    Ich denke ,Genaue Kontrolle ist nicht möglich .Man kann sich nur auf die Papiere

    verlassen. Und hoffen das sie der Wahrheit entsprechen .

  2. Paul Klausenam 20. April 2013 um 08:52 Uhr

    Anmerkung zum Kommentar von Josef Kocks:
    Eigentlich ist es nicht verwunderlich, dass Erasco Pressevertretern den Zutritt verweigert. Denn sonst könnte möglicherweise hinterfragt werden, unter welchen Bedingungen die Hühner, deren Fleisch für den Hühner-Nudeltopf die Grundlage ist, in Südamerika gehalten werden.
    Ich könnte mir vorstellen, dass hiesige Tierschutzverordnungen in Südamerika keine Gültigkeit haben, das weiß auch Erasco, aber das soll der Verbraucher nicht wissen.

    Nicht anders ist zu erklären, dass der Erasco-Pressesprecher lieber über den Grüne-Bohnen-Eintopf, anstatt über den Hühner-Nudeltopf berichtet wissen will.

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