Hamburger Abendblatt

Was in den Goldbären drin ist

17. April 2013

Das Produkt: Haribo Goldbären. Herkunft: Bonn. Entfernung: 448 Kilometer

Nur ein einziges Mal hat ein anderer Bär dem Goldbären ernste Konkurrenz gemacht. Es war Ostern 2007 und ganz Deutschland freute sich über das tapsige Eisbären-Baby Knut aus dem Berliner Zoo. Die Euphorie reichte bis nach Bonn, der Heimat der Haribo Goldbären. »Da wollten wir auch unbedingt etwas machen«, sagt Andreas Lohmüller, der hier Werksleiter ist. Und ganz schnell, binnen 48 Stunden, war der Schaumgummi-Eisbär »Knuddel Knutsch« erfunden, angerührt und in Form gegossen – und wurde zum Renner in den Supermärkten. »Wir haben es damit sogar bis in die Tagesschau geschafft«, freut sich Lohmüller.

Aus PR-Sicht war »Knuddel Knutsch« ein Volltreffer. Vor allem, weil Bären bei Haribo zumeist nur in einer Form auftreten: Als Goldbär, hergestellt mittlerweile in sechs Farben und Geschmacksrichtungen. Dunkelrot: Himbeer. Hellrot: Erdbeer. Grün: Apfel. Orange: Orange. Gelb: Zitrone. Und Weiß, das eigentlich kein Weiß, sondern ein ganz helles Gelb ist und nach Ananas schmeckt.

Alle Haribo-Mitarbeiter dürfen während der Arbeit zugreifen, so oft sie wollen. »Das dient auch der Qualitätskontrolle«, sagt Lohmüller. »Wer genau weiß, wie ein Goldbär schmecken muss, dem fällt sofort auf, wenn er mal anders schmeckt«. Zur Wahrheit gehört aber wohl auch, dass ein Naschverbot kaum zu kontrollieren wäre. Denn das Zuckerzeug lockt überall, nur eine Armlänge entfernt. Die Angestellten hier sind aber trotzdem nicht dicker als die Durchschnittsdeutschen. Lohmüller selbst ist sogar relativ drahtig.

Hundert Millionen Goldbären werden hier pro Tag produziert. Auch wenn mancher Kunde anderes vermutet, werden von jeder Farbe und Geschmacksrichtung exakt gleich viele hergestellt. Die dunkelroten mögen die Deutschen am liebsten. »Und es kommt auch vor, dass Leute anrufen und sich beschweren, wenn zu wenige davon in einer Packung sind«, erzählt Lohmüller. »Das ist dann aber Zufall.«

In diese Formen aus Maisstärke wird die warme, flüssige Bärenmasse gefüllt. Drei bis fünf Tage dauert die Trockenzeit

In diese Formen aus Maisstärke wird die warme, flüssige Bärenmasse gefüllt. Drei bis fünf Tage dauert die Trockenzeit (Foto: Martin Magunia)

Der Weg eines Goldbären beginnt in einem großen Kessel als unansehnliche, trübe Masse. Obwohl die Bären praktisch fettfrei sind, erinnert deren Farbe und Konsistenz an flüssiges Gänseschmalz. Dieses Gemisch besteht aus Wasser, Zucker, Glukosesirup, Traubenzucker und Gelatine und köchelt eine gute Stunde lang vor sich hin. Gelatine, das wissen vor allem Vegetarier, ist ein Produkt aus tierischem Eiweiß und stammt im Falle der Goldbären aus Schweineschwarten – und zwar deutschen Schweineschwarten, wie Lohmüller sagt. Alle Lieferketten bis zu ihrem Ende nachzuverfolgen ist allerdings schwierig. Etwa den Glukosesirup bringt ein Lieferant aus den Benelux-Ländern, wo aber genau dessen Grundstoff Mais angebaut wurde, weiß Lohmüller nicht. Das gleiche gilt für die Herkunft des ebenfalls in der Regel aus Mais oder Kartoffeln gewonnenen Traubenzuckers.

International sind auch die Aromen. Der Lieferant sitzt zwar in Deutschland, aber da es sich um ein Gemisch aus natürlichen und »naturidentischen« Aromen handelt, ist etwa im Falle des Ananas-Aromas klar, dass dieses nicht aus Deutschland stammen kann, weil Ananasse in den Tropen wachsen. »Naturidentisch« bedeutet, dass das Aroma-Molekül künstlich hergestellt wird, aber den gleichen chemischen Aufbau wir der natürliche Stoff hat. »Würden wir nur auf natürliche Aromen setzen, müsste man allein für den Erdbeer-Geschmack ganz Holland mit Erdbeeren bepflanzen, um eine ausreichende Menge zu haben«, sagt Lohmüller.

Hat die Grundmasse lange genug gekocht und ist mit Aromen und Farben gemischt, wird sie über eine große Maschine, die die Techniker von Haribo selbst zusammengebaut haben, in die Bärchen-Form aus Maisstärke gefüllt und muss danach bis zu fünf Tage trocknen, bevor sie verpackt wird. Weil die Konkurrenz auf dem Süßwarenmarkt groß ist, sind viele Geräte teilweise verdeckt und dürfen auch nicht vom Abendblatt fotografiert werden. Das Unternehmen, das hier in Bonn 1300 Mitarbeiter beschäftigt, hat sogar eigene Handwerker, damit bei Problemen kein externer Dienstleister kommen muss.

Die Adresse von Haribo lautet: Hans-Riegel-Straße 1 - benannt nach dem Gründer des Unternehmens (Foto: Martin Magunia)

Die Adresse von Haribo lautet: Hans-Riegel-Straße 1 – benannt nach dem Gründer des Unternehmens (Foto: Martin Magunia)

Haribo kann 2020 sein 100. Firmenjubiläum feiern. Es war Bonbonkocher Hans Riegel senior, der die Firma in der Bergstraße im beschaulichen Bonner Stadtteil Kessenich gründete, wo sie noch heute von Wohnhäusern umrahmt ihren Sitz hat. Direkt vom Gründer stammt auch der Name von Haribo, der sich aus den ersten Silben von Hans Riegel Bonn zusammensetzt. Noch heute ist Haribo ein Familienunternehmen. Es wird geführt von Hans Riegels ältestem Sohn Johannes Peter Riegel, der im März 90 Jahre alt geworden ist und sich selbst wie sein Vater Hans Riegel nennt. Er führt trotz seines Wohnsitzes in Österreich nach wie vor die Geschäfte des Konzerns, der heute weltweit mehr als 6000 Mitarbeiter hat und in 110 Länder exportiert. Immer wieder wurde über Riegels patriarchalischen Führungsstil berichtet, unter dem es vor allem im oberen Führungsbereich nicht jeder gleich lange aushält. Auf Lohmüller trifft das nicht zu. Schon seit Vater war Bonner Werksleiter, Lohmüller selbst, heute 49, hat im Alter von 16 Jahren als Schüler hier angefangen und Kartons gefaltet. Seit 1993 führt er nun selbst den Betrieb – und isst nach wie vor Gummibärchen, am liebsten die orangefarbenen.

Der Goldbär führt in Deutschland das Haribo-Verkaufsranking an, wobei es regionale Vorlieben gibt. »Wir nennen Bonn immer den Lakritzäquator«, sagt Lohmüller, weil im Norden etwas mehr Lakritz und im Süden etwas mehr Fruchtgummi gegessen wird. Nur »Knuddel-Knutsch« mochten alle gern. Lange hielt die Euphorie allerdings nicht. Die Begeisterung für Knut-Merchandising schrumpfte, je mehr das Tier vom kleinen tapsigen Baby zu einem großen, trägen Eisbären heranwuchs. Nach einem halben Jahr wurde die Produktion wieder eingestellt.

von Nina Paulsen

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