Hamburger Abendblatt

Bananenrepublik

23. April 2013

Das Produkt: Bananen. Die Herkunft: Sullana/Peru.  Entfernung: 10.501 Kilometer

Eine normale Banane wiegt um die 165 Gramm. Sie in ihrem Urzustand als große Staude von einer Palme  abzuscheiden und wegzutragen, ist allerdings ein Knochenjob. Die Arbeiter legen sich große schwarze Polsterkissen auf die Schultern, auf die sie dann die Stauden wuchten. Nicht, weil das Tragen damit leichter ginge, sondern damit die Bananen keine Dellen bekommen. Die Supermarkt-Kunden in Europa sind schließlich anspruchsvoll.

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Das Gebiet rund um die nordperuanische Kleinstadt Sullana ist das Herz des globalen Geschäfts mit fair gehandelten Bio-Bananen. Neben der Dominikanischen Republik liegt hier das weltweit größte Anbaugebiet. „Fair gehandelt“ ist dabei allerdings ein dehnbarer Begriff. Wer gedacht hat, den Bauern in den Produktionsländern mit dem Kauf von im Verhältnis teureren Fairtrade-Produkten zu einer angenehmen Drei-Zimmer-Wohnung oder Fernsehanschluss zu verhelfen, irrt gewaltig. Wer hier fairtrade-zertifizierte Landwirtschaft betreibt, ist selbst für peruanische Verhältnisse arm. Nur nicht mehr ganz so arm wie er es vorher vielleicht einmal war.

Wir sehen das schon auf den erstem Blick. Je weiter ich und Fotograf Marcelo Hernandez aus Sullana raus aufs Umland fahren, desto ärmer wird die Gegend. Aus Asphalt- werden Schotterpisten, aus Wohnhäusern flache Baracken mit Wellblechdach, zusammengezimmert aus bloßen Backsteinen und Holz. Wir sehen es an der Mühe der Arbeiter in den Bananenfeldern, wo das Pflücken und Schleppen nur der erste Schritt ist. Die Bananen werden von den Stauden geschnitten, in einem Becken aus Wasser und Chlor desinfiziert und von dem Latex gereinigt, dass sie während des Wachsens bilden. Sie werden sortiert, mit der Säure von echten Zitronen von Schädlingen und Pilzen befreit und verpackt. Dass die großen Blätter der Bananenpalmen sich wie ein Dach über die Felder und die Anlage legen, ist Fluch und Segen zugleich: Die Früchte reifen so besser und schneller, weil sich die Wärme extrem darunter staut. Dadurch ist es nicht 30 Grad warm wie im Rest der Region, sondern fast 40. Selbst uns, die wir nur zusehen, läuft der Schweiß die Schläfen und den Rücken herunter.

Wir treffen Faustino Farias. Er vertritt 350 Bauern in der Region um Sullana, die meisten von ihnen besitzen etwa einen Viertel Hektar Land, einige wenige immerhin zwei Hektar. Señor Farias selbst hat immerhin 1,25 Hektar Land, auf denen er vor allem Bananen züchtet. „Ich kann mehr oder weniger davon leben“, sagt er. Mehr oder weniger, weil er nebenbei wie viele andere Bauern noch andere Produkte anbauen muss, etwa Getreide, Avocados oder anderes Obst. Wenn Menschen wie Farias von Fairtrade reden, sagen sie immer „Comercio justo“, was der spanische Ausdruck für die Initiative ist. „Comercio justo“, sagt er also, „hat unsere Lage viel besser gemacht.“ Früher habe jeder Bauer für sich versucht, seine Bananen an die Importeure zu verkaufen – und so meist viel schlechtere Preise erzielt als heute, wo man in einer Kooperative organisiert sei.  Je nach Jahr und Verhandlungsgeschick gab es vor comercio justo auch mal schlechte und gute Phasen. „Heute haben wir Sicherheit“, sagt Farias.

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Faustino Farias schlägt mit einer Machete Bananenblätter von den Palmen. Sie bedecken den Boden und halten so die notwendige Feuchtigkeit in der Erde

 

Pro Bananen-Kiste, die hier auf 18,14 Kilo genormt ist, bekommen die Bauern in diesem Jahr 5,6 US-Dollar – die Preise werden nur jährlich ausgehandelt, sind also relativ stabil. Ein Arbeiter an der Produktionsanlage verdient 40 peruanische Soles am Tag, also um die zwölf Euro. Seine Schicht geht von 6.30 Uhr bis 14.30 Uhr. Da man Bananen 50 Wochen pro Jahr ernten kann, ist immer Betrieb. Unsere Bananen, die wir bei Edeka eingekauft haben, wurden von dem niederländischen Unternehmen Agrofair aus Peru nach Deutschland importiert. Agrofair ist in Peru drittgrößter Käufer. Über allem steht aber Marktführer Dole. Am Hafen der Region Piura, in der Sullana liegt, stapeln sich riesige Container mit dem Logo der Bananenfirma.

Wenn eine Banenstaude blüht und die Früchte zu wachsen beginnen, müssen die Bauern zwölf Wochen warten, bis sie sie ernten können. Warten sie länger, hat die Frucht nicht mehr die Maße für den europäischen Markt – und ist nicht mehr perfekt hellgelb, wenn sie nach drei Wochen Schiffahrt bei einer Lagertemperatur von 14 Grad etwa in Hamburg ankommen. Die nicht so perfekten Bananen werden dann in Peru verkauft.

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Auf dem Weg zur Bananenplantage am Stadtrand von Sullana

 

Wie wichtig Bananen in der Region um Sullana sind, erfahren wir auch, als unser Jeep unterwegs von der Polizei angehalten wird. Mein erster Gedanke ist, dass es wohl nicht so gut war, sich zu viert unangeschnallt hinten auf die Rückbank zu quetschen. Das allerdings stört den Polizisten nicht im Geringsten. Es geht um etwas anderes: Es ist nämlich üblich, lernen wir später auch noch bei einem anderen Zusammentreffen mit den peruanischen Ordnungshütern, in so einem Fall eine Art Wegezoll zahlen zu müssen. Im Korruptions-Ranking von Transparency International liegt Peru auf dem 83. Platz. Statt Geld gibt sich der Polizist aber auch mit etwas anderem zufrieden: Farias gibt ihm seine Visitenkarte und verspricht, er könne sich doch Bananen für seine Familie abholen. Damit ist der Polizist einverstanden – und eine aus fadenscheinigen Gründen verhängte Strafe, die man ohne Bestechung hätte zahlen müssen, entfällt.

von Nina Paulsen

 

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