Hamburger Abendblatt

Im Reich von Käpt’n Iglo

28. April 2013

Das Produkt: Fischstäbchen. Herkunft: Dutch Harbor/ Alaska. Entfernung: 8073 Km

Denken Sie an den entlegendsten, unwirklichsten Ort, den Sie sich vorstellen können. Ganz weit weg von unserem Leben im Hier und Jetzt, von Deutschland und auch von Postkartenmotiven oder Hochglanzfotos in Urlaubskatalogen. Steigen Sie an diesem Ort dann noch einmal in ein ein kleines Propellerflugzeug und fliegen drei Stunden durch Meer, Eisberge, Ewigkeit, Unendlichkeit. Dann sind Sie da. In Dutch Harbor in der Gemeinde Unalaska auf den Aleuten mitten in der Beringsee. In der Heimat von Käpt’n Iglo, der Heimat des Alaska-Seelachses in unseren Fischstäbchen.

Rund 4000 Menschen leben dauerhaft in Unalaska, da viele Seeleute aber auch nur zeitweise zum Arbeiten herkommen, sind es je nach Saison immer noch einige Hundert mehr. In der Lobby des einzigen Hotels hier, in dem auch ich wohne, sitzen sie dann in ihren Arbeitshosen, Boots und dicken Pullovern erschöpft auf einem der Sofas und freuen sich auf zu Hause. Sie kommen aus Asien, von kleinen Inseln im Pazifik, aus Südamerika, den USA. In ihren zwei, drei Monaten auf dem Meer, entweder an Deck oder im Bauch einer der schwimmenden Fischfabriken, haben Sie mehrere Tausend Dollar verdient, die sie meistens nach Ankunft cash ausbezahlt bekommen.

„Das ist eigentlich gar nicht gut“, seufzt Edward Travers, den ich hier kennenlerne. Er ist 60 Jahre alt, lebt in Seattle und kommt beruflich seit Anfang der 80er nach Dutch Harbor. „Viele der jungen Männer gehen dann vom Schiff sofort in die Bar und betrinken sich oder nehmen Drogen“, sagt er. „Früher war das hier ein richtig gefährliches Pflaster und es gab jeden Tag Schlägereien.“ Heute sei es aber nicht mehr so schlimm. Das ist auch mein Eindruck – auch wenn tatsächlich einige der jungen Seemänner hier eine Alkoholfahne haben.

Etwa auch in dem kleinen Flugzeug der lokalen Gesellschaft „Pen Air“, in dem ich auf dem Weg aus Anchorage/Alaska nach Dutch Harbor neben Stewardess Nicky die einzige Frau bin. In Reihe fünf sitzt einer mit Sonnenbrille, schwarzer Schirmmütze und Drei-Tage-Bart und singt ziemlich laut unmeldodische Lieder. „Are you okay?“ fragt Nicky charmant. Er lallt irgendetwas, kniet sich auf seinen Sitz und beißt in die lederne Rückenlehne. Nicky lächelt, noch immer unfassbar charmant. Sie kennt das schon. Sie ist Profi in ihrem Job.

 Pen Air

Edward Travers ist sofort begeistert, als ich erzähle, dass ich aus Hamburg komme. „Oh yes, Hamburg!“ – Ed ist Schadensgutachter und hatte schon oft mit Containern von Hapag Lloyd zu tun. Einmal, vor Jahren, habe es einen Schaden mit einem Container voller wertvoller, alter Weinflaschen gegeben, den er untersuchen musste. „So viel weiß ich noch: Für Hapag Llloyd ist es damals nicht gut ausgegangen“, grinst er. Auch Ron, den ich im Flieger kennenlerne, kennt Hamburg. Er arbeitet für Trident Seafoods, dem größten Fischproduzenten der USA, von dem auch Iglo seinen Alaska-Seelachs für die Fischstäbchen bezieht. Eigene Boote hat Käpt’n Iglo nämlich nicht.

Alaska-Seelachs ist eigentlich eine irreführende Bezeichnung. Der Fisch gehört zu den Dorschen und wird hier „Pollock“ genannt. „All das“, sagt Shirley Marquardt und zeigt von einem Hügel aus mit der Hand über die Fabriken, die Schiffe und die Wohnhäuser in Dutch Harbor, „haben wir allein dem Pollock zu verdanken.“ Shirley ist Bürgermeisterin von Unalaska und lebt seit 30 Jahren hier. Sie hat die Entwicklung des Ortes von Anfang an mit erlebt. „Früher war nichts außer ein paar Häusern und Schotterstraßen. Die Leute haben den Pollock direkt von der Ladefläche ihres Pick-Ups verkauft.“

Shirley Marquardt

Shirley Marquardt, Bürgermeisterin von Unalaska

Heute hat Unalaska eine florierende Wirtschaft, die fast zu 99,9 Prozent von der Fischerei abhängig ist – und der Pollock, auf denen vor allem Europa und Asien mächtig Appetit haben, hat den wichtigsten Anteil daran. „Hier hängt alles damit zusammen“, erzählt mir Frank Kelty, der örtliche Fischereibeauftragte. Denn die großen Fischproduzenten haben hier nicht nur eine große Flotte von insgesamt 300 Schiffen, sie halten damit auch die Werften und Werkstätten am Leben, die zwei Supermärkte, das Hotel. Es gibt einen Container-Anleger mit drei Ladekränen, zwei große Frachtschiffe verlassen Dutch Harbor jede Woche für den Export in alle Welt, ein weiteres pendelt zwischen Unalaska und dem Festland der USA hin und her. Weil immer mehr Seeleute sich nach einiger Zeit auch ganz in Dutch Harbor niederlassen gibt es hier mittlerweile eine Grundschule und eine Highschool, sieben (!) Kirchen, Spielplätze und das Frank-Kelty-Softball-Feld mit einer kleinen Tribüne.

Frank Kelty hat sein kleines Büro im Rathaus, das vollgepackt ist mit Fotos aus Franks Zeit als Krebsfischer, als er rausgefahren ist in die tobende Beringsee um die wertvollen Tiere aus dem Wasser zu holen. „Deadliest Catch“ – „tödlicher Fang“ lautet der Name einer heute sehr beliebten Doku-Serie in den USA, die die Fischer aus Dutch Harbor bei ihrer Suche nach der lukrativen „Red King Crab“ begleitet. „Genau das habe ich auch gemacht“, sagt Frank stolz. Jede Woche schreibt er heute Berichte darüber, wie viele Fische welcher Art gefangen wurden – jeden Freitag hält er die Gemeinde darüber auch in einer eigenen Radio-Show auf dem Laufenden. „Harvest“ sagt Frank in diesem Zusammenhang immer, was das englische Wort für „Ernte“ ist und nicht „Catch“, das Wort für „Fang“. Fische werden hier also geerntet. 480.600  Tonnen Pollock sind nach den staatlich vorgeschriebenen Fangquoten in der A-Saison erlaubt, die im Januar gestartet und Mitte April zuende gegangen ist. Noch etwas mehr werden es in der B-Saison, die im Juni beginnt. Die großen, schwimmenden Fischfabriken, in denen der Pollock sofort filettiert, in große Blöcke gepresst und tiefgefroren wird, liegen derzeit im Hafen in Seattle um generalüberholt zu werden.

Ans andere Ende der Welt

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Der Flug nach Dutch Harbor

Nach zwei Tagen in Dutch Harbor mache ich mich jetzt gleich auf dem Weg nach Hause. Es ist jetzt Sonntag, halb elf am Vormittag, in exakt 48 Stunden werde ich in Deutschland landen. Ich freue mich auf Zuhause, auch wenn es einem hier eigentlich an nichts fehlt: Der Supermarkt in Dutch Harbor ist riesig. In der Obst-Ecke finde ich Bananen, Tomaten, frischen Salat und sogar Erdbeeren – und das hier, am anderen Ende der Welt!

von Nina Paulsen

 

 

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