Hamburger Abendblatt

Wo der Apfel noch in Ruhe reifen darf

1. Mai 2013

Produkt: Äpfel. Herkunft: Twielenfleth im Alten Land. Entfernung: 46 Kilometer.

Nachmittägliche Ruhe liegt über dem Alten Land. Auf dem Deich flanieren Spaziergänger und genießen einen der ersten Frühlingstage. Hochhausgroße Containerschiffe gleiten die breite Elbe hinauf nach Hamburg. Abendblatt-Fotograf Bertold Fabricius und ich sind mit Susann und Claus-Harry Eckhoff verabredet. Ihr Obsthof liegt – wie so viele hier – direkt an der schmalen Straße, die kilometerlang der Deichlinie folgt. Um zur Lagerhalle zu kommen, müssen wir am Wohnhaus vorbeigehen. Direkt hinter der Halle beginnen dann die Felder.

Wie mit dem Lineal gezogen steht ein Apfelbäumchen hinter dem anderen, immer im Abstand von gut einem Meter. Rund 2500 auf einem Hektar. Jetzt im frühen Frühjahr sind die Bäume noch kahl. Das wird sich, wenn es warm bleibt, in den kommenden Wochen rasch ändern. Wir hatten den roten Boskoop gekauft. Von dieser Sorte hat der Obstbauer keine mehr. Die Boskoop-Ernte des vergangenen Jahres ist restlos verkauft. Kein Wunder: der Apfel ist das beliebteste Obst der Deutschen. Jeder Bundesbürger isst pro Jahr rund 17 Kilogramm davon.

Klock, klock, klock klingt es etwas dumpf. Claus-Harry Eckhoff klopft mit einem Rundholz an Stamm eines Bäumchens und hält dabei einen Netzköcher unter die Äste. Klopfprobe nennt das der Obstbauer. Läuse zum Beispiel fallen – wenn vorhanden – ins Netz. „Ich schaue mir dann das Verhältnis zwischen Nützlingen und Schädlingen mit der Lupe an und kann entscheiden, ob ich dagegen vorgehe“, sagt der Landwirt.

Einfacher – und auf kurze Sicht wohl auch billiger – wäre es, die „große chemische Keule“ herauszuholen. Aber Claus-Harry Eckhoff betreibt seit 24 Jahren intergrierten Obstanbau. Mittel zur Schädlingsbekämpfung kommen ihm nur dann in den Boden oder auf die Bäume, wenn es gar nicht anders mehr geht.

Nachhaltig Äpfel anzubauen bedeutet, in Einheit mit der Natur zu leben und ein Gleichgewicht zu erhalten – ein Steinhaufen für Wiesel oder eine Sitzstange für Greifvögel zum Beispiel, den Boden nicht unnütz verdichten und aktiv auf Nützlinge wie Schlupfwespen oder Raubmilben zu setzen. Mit der Chemie würde Eckhoff deren Existenzgrundlage vernichten. „Auch Nützlinge brauchen schließlich was zu essen.“

Den Eckhoffschen Obsthof vor den Toren Hamburgs gibt es seit dem Jahr 1869. „Wir betreiben den Obstanbau in sechster Generation“, sagt Claus-Harry Eckhoff. 30 Hektar beackert er. Die geben im Jahr etwa drei Millionen Äpfel her. Das sind rund 80.000 Apfelbäume, die im Schnitt 15 Jahre alt werden. In den letzten Tagen hat der Landwirt gut tausend Bäume gepflanzt. Und doch: „Es ist nur ein mittelgroßer Hof“, sagt er. Vieles läuft in Handarbeit, mit Erfahrung und mit Leidenschaft.

Eine Leidenschaft, die damit beginnt, dass Eckhoff nicht alles aus seinen Bäumen herausholt, was er herausholen könnte. 70 bis 80 Äpfel von einem Baum, das sind gut 15 Kilogramm und: „Das ist ausreichend“. Wenn er wollte, könnte der Obstbauer ein Drittel mehr „produzieren“. Eckhoff will aber nicht. Mehr Äpfel schmecken nicht so intensiv und sind weniger aromatisch.

Es mag paradox erscheinen: aber weniger Äpfel machen dem Obstbauern mehr Arbeit. „Ich muss zunächst die Bäume schärfer beschneiden, damit die einzelnen Früchte mehr Sonne abbekommen.“ Wenn die Bäume dann blühen, fahren der Landwirt oder seiner Mitarbeiter durch die Reihen und „schlagen“ einen Teil der Blüten herunter. „Dann muss der Baum sich nicht so verausgaben.“

Es ist eine Kunst und hat viel mit Erfahrung zu tun, die richtige Entscheidung darüber zu treffen, wie viele Blüten „abgeschlagen“ werden. „Schlage ich zu viele Blüten ab und das Wetter bleibt schlecht, fällt die Ernte zu gering aus“, sagt Eckhoff. Bleiben dagegen zu viele Blüten am Baum, muss man überzählige Früchte mit der Hand runterpflücken. Das aber bedeutet – später im Jahr – einen großen Arbeitsaufwand.

Das Ringen um die Qualität seiner Äpfel hält auch während der Erntezeit im Herbst an. Während Massenware für die Discounter oft „in einem Rutsch“ geerntet wird, gehen Claus-Harry Eckhoff und seine Mitarbeiter bis zu fünf Mal durch die Baumreihen, pflücken reife Äpfel und geben anderen Früchten noch ein paar Tage Zeit. Auch hier kann Eckhoff, der sein Handwerk im Alten Land lernte und auf einer Reise durch die Welt in Neuseeland, Kanada und den USA Erfahrungen sammelte, sich auf seine Erfahrungen verlassen.

Oft reicht ihm ein Blick auf den Apfel, um Bescheid zu wissen, ob der optimale Erntetermin erreicht ist. Um ganz sicher zu gehen, schneidet der Obstbauer einen Apfel auf und benetzt den Querschnitt mit einer jodhaltigen Lösung. „An der Schwarzfärbung kann ich erkennen, wie reif der Apfel ist.“ Die Reife aber ist für Eckhoff entscheidend. Andere Berufskollegen geben sich da nicht so viel Mühe. „Viele Bauern pflücken zu früh“, sagt er, fügt aber sogleich hinzu: „Sie tun das nicht, weil sie ihr Handwerk nicht verstehen.“

Es ist der Handel, der im Sommer Druck macht. Die Äpfel der neue Ernte stehen hoch im Kurs. „Für Landwirte ist das eine verlockende Situation: wer zuerst liefert, realisiert einen hohen Preis“, sagt Eckhoff. Ihm reicht die Qualität bei einer (zu) frühen Ernte nicht aus. Zumal er vier Mal in der Woche auf Märkten in der Isestraße und Volksdorf seinen Kunden gegenüber „Rede und Antwort stehen muss“.

Dabei ist er sich bewusst, dass die Qualität seiner Äpfel ihren Preis hat. Dass seine Frau und er auf Wochenmärkten in Eppendorf und Volksdorf verkaufen oder an Edeka in Eimsbüttel liefern, kommt nicht von ungefähr. „Wir wissen, dass wir uns vom normalen Preisgefüge etwas abheben“, sagt Claus-Harry Eckhoff. Um so wichtiger ist es, dass die Qualität stimmt. Wie zum Beleg reicht er mir einen Apfel der Sorte Topas. Ich beiße rein: knackig, saftig und angenehm süß schmeckt er.

Liefern kann Eckhoff das ganze Jahr. Wir stehen inzwischen in der Lagerhalle. Drei Mitarbeiter stapeln Zehn-Kilogramm-Kisten. Bis zu 70 Äpfel passen hinein, je nach Gewicht pro Apfel. An einer verschlossenen Tür klebt ein Warnhinweis. Äpfel werden, damit sie frisch bleiben, bei Temperaturen knapp über null Grad und einer Sauerstoffkonzentration in der Luft von 1,2 Prozent gelagert. Ein Mensch würde darin keine Atemzug lang überlegen.

In der Gesellschaft ist eine Diskussion über die ökologischen Kosten der monatelangen Lagerung von Äpfeln im Gange. Immerhin werden nur rund 20 Prozent der Äpfel im Alten Land in den ersten Wochen nach der Ernte verkauft. 80 Prozent lagern hingegen über Monate in gekühlten Hallen wie bei Eckhoff auf dem Hof. Gut vier Monate nach der Ernte wird es – betrachtet man allein die Energiebilanz – für heimische Äpfel kritisch. Dann ist ein in Südamerika oder Argentinien gerade gepflückter Apfel energieeffizienter.

Natürlich achtet Eckhoff auf eine sinnvolle und energiesparende Lagerung seiner Äpfel. Letztlich aber ist er zu sehr Obstbauer und von seinen Früchten überzeugt. Rund 20 verschiedene Sorten produziert sein Hof. Seine Begeisterung für den Obstanbau hat längst seinen Sohn Niklas erfasst. Der 19-Jährige absolviert gerade seine Lehre zum Gärtner Fachrichtung Obstbau. Der Obsthof Eckhoff wird also auch in der siebenten Generation noch Äpfel produzieren. (Text: Oliver Schirg/Fotos: Bertold Fabricius)

 

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