Hamburger Abendblatt

Ganz viel irische Seele

13. Mai 2013

Produkt: Butter. Herkunft: Murroe (Irland). Entfernung: 1695 Kilometer.
Wir laufen über eine saftig grüne Wiese. Leicht abschüssig geht es hinunter. In der Mitte der Niederung liegt ein See. „Wenn erst der Hibiskus blüht, dann sieht es hier traumhaft aus“, schwärmt Andrew Gow. Viel Fanatasie bedarf es nicht, sich das vorzustellen. Die gefällige Landschaft, 55 Hektar groß, verbreitet den Charme eines gepflegten Parks. Bäume, Wiesen, der See und in der Ferne eine verwitterte Steinmauer, die Geschichte erahnen lässt.

Andrew Gow 04„Wo ist eigentlich der Kuhstall?“, frage ich Andrew Gow. Der 38-jährige Landwirt lächelt, während er antwortet: „Meine 117 Kühe stehen das ganze Jahr auf der Weide.“ Lediglich für die Kälber, die ein paar Wochen nach ihrer Geburt besonderen Schutz benötigen, hat er in einer Halle einen kleineren, mit Stroh ausgelegten Bretterverschlag gebaut. „Wir haben hier das ganze Jahr über recht milde Temperaturen“, fügt Gow hinzu. „Wenn es im Winter mal ein, zwei Tage kalt wird, halten das die Kühe aus.“

Die Farm von Andrew Gow liegt in Murroe, ein paar Kilometer von Limerick entfernt, mitten drin im südlichen Teil von Irland. Am Himmel jagen die Wolken sonnendurchflutete Lücken. Die vier Jahreszeiten innerhalb einer Stunde sind hier Alltag. Eben noch Sonne mit lieblichen Temperaturen, dann Regen und heftiger Wind. Zwei Stunden haben wir mit dem Auto von der irischen Hauptstadt Dublin gebraucht, vorbei an saftig grünen Wiesen und sanft anmutenden Hügeln. Dabei immer mit einem Gefühl romantischer Sehnsucht im Herzen, das Irlandreisende spätestens seit Heinrich Bölls Irischem Tagebuch beschleicht, wenn sie nur ein paar Stunden im Land sind.

Ich bin aber nicht wegen der Gefühle nach Irland gefahren, sondern der Kerrygold-Butter wegen, die wir im Supermarkt gekauft haben. Den eigentlichen Produktionsstandort ausfindig zu machen ist dabei gar nicht so einfach. Die Milch kommt unter anderem von Andrew Gows Hof. In  der 45 Kilometer entfernten Meierei wird diese zu Butter verarbeitet und von dort in international üblichen 25-Kilogramm-Blöcken nach Deutschland in das ein paar Kilometer westlich von Duisburg gelegene Neukirchen-Vluyn transportiert. Dort wird die Butter in 250-Gramm-Stücke abgepackt und an den Einzelhandel ausgeliefert.

Auch wenn ohne Meierei, Verpackung und Auslieferung die Butter nicht zu uns Verbrauchern käme – so liegen doch die entscheidenen Gründe für das, was diese Butter ausmacht und was letztlich drin ist, auf einem Hof wie dem von Andrew Gow. Daher also meine Reise nach Murroe. Gow lächelt noch immer über meine Frage nach dem Stall. Er kann nicht wissen, dass hierzulande die Lobbyisten der Bauernverbände mächtig stolz darauf sind, dass 42 Prozent der hiesigen Kühe wenigstens ein paar Stunden am Tag auf die Weide können. Mit anderen Worten: 58 Prozent erleben nie eine grüne Wiese.

Kuh„Im Durchschnitt 270 Tage stehen die Kühe auf der Weide, die für die Kerrygold-Butter die Milch liefern“, sagt Jeanne Kelly, Sprecherin des Irish Diary Board (IDB). 4,5 Milliarden Liter Milch kommen jedes Jahr zusammen. Davon wird nicht nur Butter gemacht, sondern auch Käse. Allerdings sind für die Herstellung von einem Kilogramm Butter immerhin etwa 22 Kilogramm Milch notwendig.

Der IDB ist die Organisation, die Butter und Käse von Kerrygold außerhalb Irlands vermarktet. Dabei handelt es sich um eine Art Genossenschaft. 13 große Meiereien besitzen Stimmrecht beim IDB. Da diese Meiereien wiederum den Farmern gehören, können sie beim Verkauf ihrer Milch mitbestimmen und werden an den IDB-Gewinnen beteiligt.

Jeder Deutsche konsumiert im Jahr rund sechs Kilogramm Butter – das sind 48 der üblichen 250-Gramm-Stücke. Allerdings ist Deutschland ein besonderer Buttermarkt, der von „Deutscher Markenbutter“ geprägt wird. „Kerrygold versteht sich als reiner Markenanbieter von qualitativ hochwertiger Butter“, sagt Manuel Rodriguez-Eicke. Er verantwortet Marketing von IDB in Deutschland und ist stolz darauf, dass sein Unternehmen die Liste der Premiumanbieter mit rund 15 Prozent Marktanteil anführt. „Wir verkaufen hierzulande jährlich etwa 38.000 Tonnen Butter.“ Der Gesamtumsatz liegt bei rund 220 Millionen Euro.

Auch wenn die IDB-Leute überlegen, wie sie den Marktanteil von Kerrygold-Produkten steigern können, wissen sie, dass nur hohe Qualität ihnen die Zukunft sichert. „Wir können nicht mit billigerer Milch aus Polen oder Tschechien konkurrieren“, sagt IDB-Sprecherin Jeanne Kelly. Zudem gibt es „natürliche“ Grenzen, die mit Landwirten wie Andrew Gow zu tun haben. Im Durchschnitt 5000 Liter Milch gibt jede seine Kuh im Jahr. Dass er damit von deutschen Kühen, die bis zu 10.000 Liter produzieren, weit entfernt ist, stört ihn wenig. „Ein hoher Gehalt an Fett und Proteinen ist mir wichtiger“, sagt der Landwirt.

Dieser „Wunsch“ hat auch mit den Anforderungen des IDB zu tun. Für jeden Liter Milch zahlt ihm die Meierei 40 Cent. Sinkt die Qualität seiner Milch, erhält er weniger. Dass die Meierei das streng kontrolliert, darauf kann er sich verlassen. Der hohe Qualitätsanspruch führt dazu, dass Andrew Gow im Spätherbst und Winter kaum Milch an die Meierei liefert. „Dann wächst auf den Weiden kaum frisches, nährstoffreiches Gras und die Milch ist nicht gut genug.“

Im besonderen irischen Gras – glaubt man Andrew Gow und IDB-Sprecherin Jeanne Kelly – liegt neben der Weidehaltung ein wesentlicher Grund für die besondere Qualität von Kerrygold-Butter. Schließlich besteht das Futter der Milchkühe zu 90 Prozent aus diesem Gras.

Andrew Gow zeigt mir einen DIN-A-4-großes Blatt Papier mit einer Karte von seinem Grundstück. Das Gelände ist in viele kleine, ein bis zwei Hektar große Grundstücke unterteilt. „Das sind die Weideflächen für die Kühe“, erklärt der Landwirt. Wenn eine Fläche abgefressen ist, geht es auf die nächste. So stellt Gow sicher, dass das Gras ausreichend „Ruhe“ zum Nachwachsen hat.

Was auf den ersten Blick relativ leicht aussieht, überlässt Gow nicht dem Zufall. Mit Hilfe regelmäßiger Messungen und einem Computerprogramm – Gow nennt es Grasmanagement – weiß er genau, wie hoch das Gras auf den einzelnen Flächen steht und wann der beste Zeitpunkt zum Grasen für die Kühe gekommen ist.

40 Prozent der Fläche hat Gow aus der „Rotation“, wie er es beschreibt, herausgenommen. „Hier wächst das Gras, das ich den Tieren von Dezember bis April als Heu zufüttere.“ Für die Zeit also, in der nicht ausreichend Futter nachwächst. Abgesehen davon, dass er nur durch die Weidehaltung die Qualität seiner Milch halten kann, ist dieses Prinzip für Andrew Cow das günstigste. „Das Gras wächst regelmäßig nach, Kraftfutter müsste ich für viel Geld kaufen.“

FeldwegDas Prinzip Weidegang hat für Gow im internationalen Wettbewerb handfeste Vorteile. Schließlich stehen nirgends in Europa so viele Kühe so lange auf der Weide. Die Milch von Kühen, die viel Gras fräßen, enthalte aber mehr Omega-3-Fettsäuren, heißt es in der April-Ausgabe von Ökotest Die Omega-3-Fettsäuren wiederum stünden in dem Ruf, das Risiko für Herzinfarkte zu senken. Leider ist der Begriff Weidehaltung hierzulande nicht geschützt, so dass – wie eine Untersuchung von Ökotest auch ergab – auf der Verpackung oft zwar „Weide“ draufsteht, aber in dem Produkt keine „drin“ ist.

Drin seien auch keine Zusatzstoffe, sagt Manuel Rodriguez-Eicke. Pure Butter. Wir sitzen inzwischen im Wohnzimmer von Andrew Gow. Seine drei kleinen Kinder lugen verschmitzt um die Ecke. Ich frage, ob Kerrygold Weichmacher in seine Butter mische. Schließlich hatte der NDR im September vergangenen Jahres berichtet, in dem Mischfettprodukt  Kerrygold-Extra seien Spuren von Weichmacher wie Diethylhexylphthalat (DEHP) entdeckt worden. Rodriguez-Eicke hebt zu einer längeren Erklärung an. Seine Botschaft: Es sei falsch gemessen worden und man habe alles mehrfach extern nachprüfen lassen: „Es gibt keine Zusatzstoffe in der Butter.“

Bei allem Positiven, das ich an diesem Tag auf der Farm von Andrew Gow erfahre, bleibt ein „Haken“ an der Butter von Kerrygold: sie muss fast 2000 Kilometer zurücklegen, bevor sie bei uns in Hamburg auf dem Essenstisch liegt: zunächst per Lkw nach Dublin, dann per Schiff nach Rotterdam. Schließlich per Lkw nach Neukirchen-Vluyn und dann in den Supermarkt. Ob der Genuss der Butter das am Ende aufwiegt, muss jeder Verbraucher für sich entscheiden. (Text und Fotos: Oliver Schirg)

 

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