Hamburger Abendblatt

Süße Verführung

16. Mai 2013

Produkt: Zucker. Herkunft: Uelzen. Entfernung: 95 Kilometer.

Bis zu 18 Stunden am Tag. Viel Schlaf bekommt Hans Hinrich Schulz in diesen Tagen nicht. Der Landwirt sitzt die meiste Zeit auf seinem Traktor. Hinter sich her zieht er eine moderne Drillmaschine. 72.000 Euro teuer war sie. 18 kleinen Reihen hebt sie aus. Alle zwanzig Zentimeter lässt sie eine kleine blaue Pille gut zwei Zentimeter im Boden verschwinden. Schulz sät Samen von Zuckerrüben aus. Das Feld liegt ein paar Kilometer nördlich von Uelzen, einer der wichtigsten Produktionsstätten der Nordzucker AG. Von dort stammt unser Zucker.

ZuckerHans Hinrich Schulz betreibt quasi Lohnarbeit. Er bietet seine Drilldienste den Bauern der Umgebung an. Weil die Drillmaschine so teuer ist, kann kaum ein Landwirt sich das Gefährt leisten. „Es wird ja eigentlich nur im Frühjahr zum Drillen gebraucht“, sagt Schulz. Fünf bis sechs Wochen ist normalerweise Zeit. Weil der Winter sich so hartnäckig hielt, hat der Landwirt in diesem Jahr nur knapp drei Wochen. 18-Stunden-Tage also.

Das Fahrerhaus des Traktor sieht eher wie ein Flugzeugcockpit aus. Mit Hilfe von GPS weiß die Maschine eigentlich immer, wohin sie fahren muss. Und doch gehört eine Menge Berufserfahrung dazu, Reihe um Reihe genau so zu drillen, dass übers Jahr jede einzelne Zuckerrübe beste Bedingungen zum Gedeihen hat. Manchmal ist der Boden etwas fester – dann muss der Rübensamen nicht ganz so tief eingedrückt werden. Bei lockerem Boden hingegen schaden ein paar Millimeter mehr nicht. Dann haben es die Vögel oder Mäuse es schwerer, das kostbare Saatgut zu finden.

Wir verabschieden uns und fahren mit dem Auto in Richtung Zuckerfabrik nach Uelzen. Am Lenkrad sitzt Georg Sander, Manager Rübenbeschaffung bei der Nordzucker AG. Er begleitet uns während des Besuches. Das Telefon klingelt. Ein Rübenbauer ist am anderen Ende und bittet Sander, am Nachmittag bei ihm vorbeizuschauen. Er braucht seinen Rat, ob er auf einem Teil seines Ackers nachsäen soll. Durch die Trockenheit in den vergangenen Wochen ist die Bodenoberfläche verkrustet und er fürchtet, dass der Keimling nicht die Kraft hat, die Kruste zu durchstoßen.

„Das ist eine Form von Kundenbetreuung“, sagt Sander nach dem Auflegen und lächelt. Er sei selbst Landwirt und könne in „produktionstechnischen Fragen“ helfen. Die Nachfragen der Landwirte reichen von der Bodenqualität bis hin zum Service, was und vor allem wie viel gedüngt werden solle. Ich frage nach genmanipuliertem Saatgut. „In Europa sind keine gentechnisch veränderten Zuckerrübersorten zugelassen“, antwortet Sander. Daher ist er sich sicher, dass hierzulande keine gentechnisch veränderten Rüben wachsen.

Auf dem Hof der Zuckerfabrik Uelzen lagern riesige metallene Zylinder und Behälter. Jetzt im Frühjahr ist Zeit für die Instandhaltung und Reparatur der Maschinen. Die Verarbeitung der geernteten Zuckerrüben heißt hier „Kampagne“. „Im Durchschnitt dauert so eine Kampagne 120 Tage“, sagt Sander. Etwa 900 Lastkraftwagen am Tag bringen während der Erntezeit die wertvolle Frucht. „Bis zu 2,4 Millionen Tonnen Rüben verarbeiten wir im Jahr.“

Sieben Kilogramm Rüben sind notwendig, um ein Kilogramm Zucker herzustellen. Zunächst werden die Rüben gewaschen und dann zu sogenannten Zuckerrüberschnitzeln zerteilt. Durch heißes Wasser wird der Rohsaft „ausgelaugt“. Anschließend werden – unter anderem mit Hilfe von Kalkmilch – organische und anorganische Stoffe entfernt. Der Dünnsaft wird in einer Verdampfstation eingedickt. Anschließend entsteht bei erhöhter Temperatur und unter Unterdruck durch Kristallisation der Zucker, wie wir ihn kennen.

„Im Durchschnitt liegt der Zuckeranteil in einer Rübe bei 18 Prozent“, sagt Sander und fügt hinzu: „Am Ende bekommen wir knapp 16 Prozent heraus.“ Zum Ausgang des 19. Jahrhunderts lag der Zuckergehalt einer Rübe bei rund zehn Prozent. Während der Zuckerertrag pro Rübe stieg, hat sich der Arbeitsaufwand über die Jahrzehnte deutlich verringert. Waren vor gut fünfzig Jahren 120 Stunden Arbeit pro Hektar Zuckerrüben nötig, sind es heute zwischen fünf und sechs.

Die verringerten Produktionskosten haben dazu geführt, dass Zucker – einst den Reichen vorbehalten – heute zu einem Massennahrungsmittel geworden ist. Mit durchaus fragwürdigen Folgen für die Gesundheit vieler Menschen. Bis zu 34 Kilogramm Zucker jeder Deutsche durchschnittlich im Jahr zu sich. Kritiker mahnen, dass vor allem Kinder zu viel Zucker essen. Die Folgen: Übergewicht, schlechte Zähne, mangelnde Gesundheit.

„Verteidiger“ des Zuckers verweisen gern darauf, dass die unausgeglichene Energiebilanz entscheidend für das Übergewicht vieler Deutscher ist. Demnach wird jemand übergewichtig, wenn er über eine längere Zeit mehr Kalorien aufnimmt als er verbraucht. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung geht inzwischen davon aus, dass wir weniger Energie verbrauchen, weil wir wir uns im Alltag weniger als früher bewegen. Wir werden demnach also nicht dicker, weil wir mehr essen, sondern weil wir uns weniger bewegen.

US-Forscher haben hingegen unlängst herausgefunden, dass es nicht der Bewegungsmangel ist, der die Menschen dicker werden lässt. Vielmehr führten Fettpolster dazu, dass Menschen sich weniger bewegen. Insofern dürften die veränderten Essensgewohnheiten die Ursache für zu dicke Menschen sein. Dadurch richtet sich der Fokus auf den verantwortungsvollen Genuss von Zucker durch jeden einzelnen.

ZuckerFür Rübenbeschaffungsmanager Georg Sander steht eine fachgerechte und nachhaltige Produktion des Zuckers im Mittelpunkt seiner Arbeit. Beim Rübenanbau arbeitet die Zuckerfabrik Uelzen mit 2610 Landwirten aus nördlichen Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein zusammen. „Die durchschnittlich Entfernung , die eine Rübe vom Feld bis zur Zuckerfabrik zurücklegen muss, beträgt 80 Kilometer.“

Die Nordzucker AG gehört „rübenanbauenden“ Aktionären – sprich den Landwirten. Da sie wollen, dass „ihre“ AG Gewinn erwirtschaftet, verpflichten sie sich, Zuckerrüben anzubauen. Das ist gar nicht so einfach, wenn beispielsweise der Zuckerpreis im Keller ist und Landwirte mehr Geld für den Anbau von Getreide, Raps oder Mais für die Biogasproduktion erhalten.

In den vergangenen beiden Jahren aber lag der Zuckerpreis hoch. Etwas mehr als 26 Euro pro Tonne Zuckerrüben garantiert die Nordzucker AG den Bauern bei einem Zuckergehalt von 16 Prozent. Hinzu kommt, dass die Landwirte eine Abnahmegarantie für die angebauten Rüben erhalten. Eine Prämie gibt es, wenn die Rübenbauern optimal düngen. „Je weniger Stickstoff in der Rübe ist, desto mehr Geld gibt es“, sagt Sander.

Im vergangenen Geschäftsjahr setzte die Nordzucker AG rund 2,4 Milliarden Euro um und erwirtschaftete einen Gewinn von mehr als 250 Millionen Euro. Das Unternehmen ist Europas  zweitgrößter Zuckerproduzent. Vor allem in wirtschaftlich aufstrebenden Schwellenländern wächst die Nachfrage nach Zucker. Allerdings gehen Experten davon aus, dass die zuletzt realisierten 738 Euro je Tonne auf dem europäischen Markt nicht mehr lange zu halten sind. Auf dem Weltmarkt musste man zuletzt lediglich rund 460 Euro für eine Tonne Zucker bezahlen.

Die Rübe selbst ist eine eher anspruchslose Pflanze, die leidlich guten Boden, Sonne und reichlich Wasser zum Gedeihen benötigt. „Die Unkrautbekämpfung hingegen bedarf der Erfahrung und vielen Wissens“, sagt Sander. In den ersten Monaten muss die Rübe sich im Kampf ums Licht gegen Unkraut durchsetzen. „Bis Ende Mai müssen die Landwirte daher ein genaues Auge auf die Entwicklung der jungen Pflanzen haben.“ Später ist ausreichend Wasser notwendig: 800 Liter Wasser pro Hektar.

ZuckerDer hohe Wasserbedarf hat Ingenieure und Landwirte für die Region um die Zuckerfabrik in Uelzen ein europaweit einzigartiges System entwickeln lassen. Das Wasser, das die Rüben mit in die Fabrik bringen – eine Rübe besteht zu 75 Prozent aus Wasser – summiert sich in Uelzen während der Kampagne auf rund 12.000 Kubikmeter täglich. Dieses Wasser wird aber nicht entsorgt, sondern gereinigt und in großen Teichen zwischengelagert.

Wenn dann im darauffolgendem Vegetationsjahr die Rüben wachsen und viel Wasser benötigen, wird das gespeicherte Nass über ein weit verzweigtes Rohrleitungsnetz auf die Felder gepumpt. „Wir behalten nichts zurück, wir müssen nichts entsorgen und nutzen das Wasser ein zweites Mal“, sagt Sander. (Text: Oliver Schirg/Fotos: Michael Rauhe)

 

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