Hamburger Abendblatt

Wie die Kuh auf die Schokolade kam

14. Juni 2013

Produkt: Milka-Schokolade. Ort: Lörrach. Entfernung: 816 Kilometer.

AO3A5624Wo nur ist die lila Kuh? Statt Glockenläuten schallt mir Motoren- und Lüfterlärm entgegen, als ich die Produktionshalle für die Milka-Alpenmilchschokolade in Lörrach betrete. Rohre, die aus Wänden kommen, Rohre, die in Wänden verschwinden. Dazu Tanks und sich drehende Walzen, Metalltreppen, hier und da ein Bildschirm, auf dem Zahlen flackern.

Die Werbung für Milka-Schokolade hat ganze Arbeit geleistet. Auch wenn mir schon klar war, dass die Millionen Schokoladentafeln nicht in einer einsam gelegenen, verwitterten Hütte auf einer Alpen-Alm hergestellt werden und dass es mehr als ein paar friedlich dahin grasender Kühe bedarf, die notwendige Milch produzieren: so unprosaisch, so industriell hatte ich mir die Schokoladenproduktion nicht vorgestellt.

Ich bin in den Südschwarzwald im Südwesten Baden-Württembergs gefahren. Die Schweiz liegt einen Katzensprung entfernt. Lörrach war im Jahre 1880 der erste „ausländische Produktionsstandort“ der Schweizer Schokoladenmanufaktur Suchard. Inzwischen gehört das Unternehmen zu dem weltweit agierenden Lebensmittelkonzern „Mondelez International“.

Wer aber durch Lörrach wandert, spürt noch die Verbindung zwischen den „Suchardies“ und der knapp 50.000 Einwohner zählenden Stadt. Da sind die Milka-Straße ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt und der Kinderkrippe in der Villa, die einst die Milka-Direktoren beherbergte. Im Sommer, so wird mir erzählt, gibt es sogar einen Milka-Tag – eine Art Volksfest.

Die Milka – ein Kunstname, der sich aus Milch und Kakao zusammensetzt – wurde 1901 erfunden. Weil Schokolade dadurch für breitere Bevölkerungsschichten erschwinglich wurde, stiegen die Absatzzahlen Jahr für Jahr. Ein Coup gelang dem Unternehmen 1973 mit der Marketingerfindung der lila Milka-Kuh. Seitdem ist diese das Markenzeichen der Schokolade und es soll Kinder geben, die glauben, dass Kühe lila sind.

AO3A5449Doch die eigentliche Schokoladenproduktion in Lörrach hat wenig mit den aus den Werbeclips bekannten lila Kühen zu tun. Vielmehr ist die Herstellung ein „industrieller“ Prozess, bei dem die Zutaten – die wichtigsten sind Kakao, Milchpulver und Zucker – zusammengemischt und über verschiedene Stationen so „bearbeitet“ werden, dass am Ende eine im Mund zart schmelzende Tafel Schokolade herauskommt.

Wir stehen am Anfang der Produktion. Die Kakaomasse, Zucker und Milchpulver werden in einem Mischer zusammengeführt und anschließend im sogenannten Vorwalzwerk zu einer geschmeidigen Paste zerrieben. „Wir reduzieren an dieser Stelle die Dicke der Masse von 1400 auf 150 Mikrometer“, sagt Produktionsleiter  Christopher Bee. Ich kann später die Masse in diesem Zustand kosten und schmecke noch einzelne körnige Bestandteile.

AO3A5461Im Feinwalzwerk – das sind fünf übereinander angeordnete Walzen, die mit hoher Geschwindigkeit jeweils in Gegenrichtung laufen – wird dieses Gemisch so fein zerrieben, dass ich den Unterschied zwischen den einzelnen Partikeln mit bloßem Auge nicht mehr erkennen kann und in meinem Mund nicht schmecke. Vielmehr scheint es, als würde das „Staubgemisch“ wie von Zauberhand auf der Zunge zergehen. Bee spricht von unter 30 Mikrometer Größe der einzelnen Bestandteile.

Noch aber, und das überrascht mich, ist das Pulver völlig trocken. Schließlich sind mir Bilder in Erinnerung, auf denen „Köche“ mit großen Kochlöffeln dunkelbraune Schokoladensauce umrühren. Christopher Bee nickt. „Wir führen bei der Herstellung bis auf Kakaobutter keine Flüssigkeiten hinzu.“ Dass im Verlaufe des Herstellungsprozesses eine flüssige Masse entsteht, hat mit Physik zu tun. In der Conche, einem Kessel, der sieben Tonnen von dem pulverigen Gemisch aufnehmen kann, wird dieses mit Hilfe eines großen Rührwerks gerührt. Dadurch wird Wärmeenergie freigesetzt, die aus dem Pulver eine flüssige Masse macht.

Die Schokoladenmasse erreicht durch das Conchieren eine Temperatur von 60 Grad Celsius. Sechs Stunden wird die Schokoladenmasse in der Conche gerührt, bevor sie auf 45 Grad Celsius heruntergekühlt wird.

Was dann folgt, ist das „Temperieren“. Die Schokolade wird dabei gezielt gekühlt und wieder erwärmt, so dass sich sogenannte Erstarrungskristalle bilden. Das Temperieren ist für das Aussehen der Schokolade und die Schmelztemperatur im Mund wichtig. Um die typische Milka-Alpenmilch-Schokolade herzustellen, muss die Masse nach dem Abkühlen noch einmal erwärmt werden. Dadurch entsteht beispielsweise auch der „Glanz“ einer Schokoladentafel.

AO3A5512Durch ein Rohr wird die braune Schokoladenmasse in eine Anlage gepumpt und dort in vorgewärmte, spezielle Schokoladentafelformen gefüllt. Anschließend werden diese Formen geschüttelt, damit Luft entweichen und die Schokoladenmasse sich gleichmäßig verteilen kann. „Die Formen bestehen aus einem speziellen Material“, sagt Christopher Bee.

Am Ende werden die Tafeln innerhalb von 45 Minuten heruntergekühlt. So bekommen sie ihre feste Form. Immer 13 Tafeln liegen in einer Reihe und werden aus dem Kühlschrank über ein großes Transportband in Richtung Verpackung transportiert. Viel Personal habe ich bislang nicht gesehen. „Drei Mitarbeiter überwachen jeweils den Produktionsprozess an einer Schokoladenstraße“, sagt der Produktionsleiter.

Wie in anderen Lebensmittelunternehmen auch wird bei Milka in Lörrach die Qualitätskontrolle groß geschrieben. „Wir geben unseren Lieferanten bestimmte Qualitätsstandards vor, die sie einhalten müssen“, sagt Christopher Bee. „Das kontrollieren wir natürlich ganz am Anfang des Produktionsprozesses.“ Auch während der Produktion wird an unterschiedlichen Stellen genau gemessen: Stimmt die Temperatur? Stimmt die Zusammensetzung der Zutaten? Befindet sich ein Fremdkörper in der Schokoladentafel?

AO3A5576Rund drei Millionen 100-Gramm-Tafeln mit Milka-Schokolade verlassen täglich das Werk in Lörrach. „Alpenmilch ist dabei mit Abstand unsere Topsorte“, sagt Bee. Weltweit in rund 90 Ländern wird die Milka-Schokolade aus Lörrach verkauft. Dabei geht der größte Teil nach Deutschland, in die Schweiz, nach Österreich und Frankreich. „Bis auf einige Feiertage produzieren wir das Jahr über rund um die Uhr.“ So kommt das Werk in Lörrach auf bis zu 350 Arbeitstage im Jahr.

Rund 13,48 Milliarden Euro setzte die deutsche Süßwarenindustrie im Jahr 2011 um. Fast zehn Kilogramm an Schokoladewaren isst jeder Deutsche im Jahr. Damit gehört die braune Speise zu den beliebtesten Süßwaren unter den Konsumenten in Deutschland.

Aber die Schokoladenproduktion hat auch eine dunkle, unappetitliche Seite. Wir sitzen inzwischen in einem Büro, vor uns steht eine Tasse Kaffee. Der Kakao für die Schokolade kommt beispielsweise aus Westafrika, Indonesien und der Dominikanischen Republik, sagt Christopher Bee. Ich frage nach Kinderarbeit in Afrika bei Anbau und Ernte von Kakaobohnen, die Mondelez verarbeitet.

Darüber hatten Hilfsorganisationen gesprochen und unlängst eine in der ARD ausgestrahlte Reportage berichtet. Demnach sollen Jahr für Jahr rund rund 600.000 Kinder bei der Ernte als Kinderarbeiter eingesetzt werden. So sollen Kinder aus den Nachbarstaaten entführt und als Sklaven gehalten werden. Ein Kind soll 230 Euro kosten.

Die Schokoladenhersteller wüssten davon, heißt es in der Reportage des dänischen Filmemachers Miki Mistrati, unternähmen aber zu wenig gegen diese unhaltbaren Zustände. Mondelez-Sprecherin Tanja Scheil, weist diesen Vorwurf zurück und berichtet über das Programm „Cocoa Life“, das ihr Unternehmen im Herbst vergangenen Jahres aufgelegt habe.

„Als weltweit größter Hersteller von Schokolade werden wir in den kommenden zehn Jahren rund 400 Millionen Dollar investieren, um die Lebensumstände von mehr als 200.000 Kakaobauern und rund einer Million Menschen in Anbaugemeinschaften zu verbessern“, sagt Scheil. Rund 100 Millionen US-Dollar werden an die Elfenbeinküste, den weltweit größten Kakaoproduzenten, gehen. Dort sollen 75.000 Farmer mit Hilfe des Geldes ihre Produktivität verdoppeln.

Scheil betont, dass all die unterstützten Programme sich klar gegen missbräuchliche Kinderarbeiten richten. „Unser Unternehmen hat mit ‚Cocoa Life‘ einen ganzheitlichen Ansatz zur Förderung von nachhaltiger Kakaoproduktion ins Leben gerufen.“ Damit das Geld in die richtigen Hände kommt, arbeitet Mondelez mit Regierungen und Zulieferern sowie mit Nichtregierungsorganisationen, sogenannten NGOs, zusammen. „Wir wollen natürlich, dass unser Geld auch etwas bewirkt“, sagt Tanja Scheil.

Wir reden noch etwas länger über einen nachhaltigen Anbau von Kakao. „Derzeit liegt der Anteil des Kakaos, der nachhaltig angebaut wird, zwischen acht und zehn Prozent“, sagt Scheil und fügt hinzu: „Wenn wir unsere Produktion jetzt vollständig umstellen wollten , würde diese Menge nicht im Ansatz ausreichen.“ Zudem würde das viele Kakaobauern ihrer Einkommensquelle berauben und in noch tiefere Armut stoßen. „Deshalb glauben wir, dass unser Ansatz der ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ der bessere und auf längere Sicht der erfolgreichere ist“, sagt Scheil. (Text und Fotos: Oliver Schirg)

 

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