Hamburger Abendblatt

Essen vom Nachbarn

6. November 2013

Regional ist in. Wer mit offenen Augen durch Hamburgs Supermärkte geht, wird den Trend nicht übersehen. Natürlich auch auf den Wochenmärkten. Dass Landwirte Äpfel aus dem Alten Land oder Gemüse aus den Vier- und Marschlanden anbieten ist üblich. Aber zunehmend offerieren Manufakturen aus der Region ihre Produkte: es gibt selbst gemachte Nudeln, leckere Marmeladen oder ungewöhnliche Saucen.

Der Erfolg ist beachtlich, denn die Deutschen legen inzwischen vermehrt Wert auf regionale Lebensmittel. Mancher Werbestratege spricht bereits davon, dass „regional“ das neue „Bio“ ist. Auch wenn das übertrieben scheint, so belegen Studien die Veränderungen im Konsumverhalten der Deutschen.

Das Kölner Marktforschungs- und Beratungsinstitut „YouGov“ fand im August dieses Jahres heraus, dass rund zwei Drittel der Verbraucher überwiegend Lebensmittel kaufen, die in der Region hergestellt wurden. 87 Prozent der Deutschen sind sogar bereit, in bestimmten Monaten saisonal bedingt auf bestimmte Nahrungsmittel zu verzichten.

Das Hamburger Abendblatt hatte vor einigen Montagen das Projekt „Wo unser Essen herkommt“ umgesetzt. Über einen Zeitraum von einem halben Jahr reisten wir Nahrungsmitteln nach, die wir bei einem Wochenendeinkauf in einem Supermarkt erstanden hatten. Dabei stellten wir rasch fest, dass (zu) viele unserer Lebensmittel eine lange Reise hinter sich haben, bevor sie auf unserem Teller landen.

Wir besuchten bei unseren Recherchen aber auch Landwirte und Unternehmen im Norden Deutschlands und erfuhren, dass man als Verbraucher mit ein wenig Mühe sehr wohl regionale Produkte kaufen kann. Im Verlaufe dieser Recherchen wurde die Idee geboren, bei der Ernährung vier Wochen lang mit einem möglichst großen Anteil an Lebensmitteln aus der Region rund um Hamburg auszukommen.

Heute nun geht es los. Mit dem Projekt möchte ich herausfinden, ob Ernährung mit vornehmlich aus Umgebung stammenden Lebensmitteln möglich ist, ohne dass ich in Askese leben muss oder mein Alltag sich nur noch darum dreht, wie ich ans Essen komme.

Meine These: man kann gut und ohne allzu große Einschränkungen leben, wenn ein gewisser Teil seiner Ernährung auf regionalen Lebensmitteln fußt. Dabei geht es vor allem um Achtsamkeit bei der Auswahl, darum, beim Händler nachzufragen oder auf der Verpackung den Ort der Herstellung herauszufinden und im Falle eines Falles, auf das Produkt zu verzichten.

Kann ich beispielsweise in Hamburg auf einen Joghurt verzichten, der in Bayern hergestellt wurde? Wie ist es mit Fleisch von einem Rind, das in Oberbayern gehalten wurde? Muss ich wirklich Butter kaufen, die in rund 1600 Kilometer Entfernung in Irland hergestellt wurde?

Mich treibt die Vorstellung, dass regional produzierte Lebensmittel die Wirtschaft vor Ort stärken und die Umwelt nicht so stark belasten, weil sie nicht Hunderte von Kilometern durch die Landschaft gekarrt werden müssen. Nicht zuletzt glaube ich, dass Gemüse oder Obst, das gerade geerntet wurde, frischer und gesünder ist.

Ich halte mich an das, was Heinz Elfenkämper-Raymann vom Hamfelder Hof sagt: Regional sind für ihn Lebensmittel, die in einem Umkreis von 150 Kilometern erzeugt und verarbeitet werden. Damit ist klar, dass Kaffee, Schokolade oder Bananen keine regionale Lebensmittel sind und es erklärt, warum ich gar nicht erst den Versuch starte, mich ausschließlich von regionalen Lebensmitteln zu ernähren. Ein Leben ohne Kaffee ist für mich nicht vorstellbar.

Es gibt eben auch Lebensmittel, die von weit her herangeschafft werden müssen, weil sie hier in Norddeutschland nicht wachsen. Pfeffer beispielsweise, Apfelsinen oder Tee. Es geht bei dem Projekt also nicht um ein „alles oder nichts“, sondern darum, Ausgewogenheit und Alltagstauglichkeit hinzubekommen.

Bei der Beschäftigung mit dem Thema wurde aber auch rasch klar, dass regionale Produkte oftmals ein Schlagwort sind. Angesichts von Massentierhaltung, Billigangeboten in Supermärkten und einer prosperierenden Lebensmittelindustrie gibt es durchaus Zweifel, ob die Deutschen tatsächlich bereit sind, genauer aufs Essen und seiner Herkunft zu achten.

Gräbt man etwas tiefer, stellt sich rasch heraus, dass es schon beim Begriff „regional“ viele Unklarheiten gibt. So wollte die Stiftung Warentest in einer Befragung von 6000 Konsumenten wissen, was sie unter „regional“ verstehen. Für die einen ist das Bundesland eine Region. Andere verstehen darunter einen „begrenzten Naturraum wie das Allgäu oder den Spreewald“. Jeder zweite Befragte meinte, in Kilometern lasse sich eine Region nicht beschreiben. Einige hielten 50 Kilometer Entfernung für akzeptabel; wieder andere fanden 100 Kilometer noch in Ordnung.

Der Gesetzgeber hält sich bislang zurück, genau zu definieren, was ein regionales Lebensmittel ist – und was nicht. Die Zeitschrift Ökotest formulierte drei Kriterien. So müssten „die Rohstoffe aus der angegebenen Region stammen und dort verarbeitet werden“. Zudem halten die Öko-Testler eine ausschließlich regionale Vermarktung für unabdingbar.

Hessens Verbraucherzentrale fordert, dass für „Monoprodukte 100 Prozent und für zusammengesetzte Lebensmittel mindestens 95 Prozent der Zutaten aus der genannten Region stammen“, um regional genannt werden zu dürfen.

Die Zeitschrift Ökotest hatte vor zwei Jahren 53 „regionale“ Produkte aus Deutschland untersucht und herausgefunden, dass Hersteller auch Reis, Kaffee oder Rotbuschtee als ein regionales Lebensmittel bezeichneten. Zur Begründung hieß es: die Produkte wurden hierzulande produziert, veredelt oder verpackt. Das ist natürlich Unfug, was die Autoren der Studie auch deutlich machten.

Die Konsumenten sehen das offenbar ähnlich. 70 Prozent der von der Stiftung Warentest befragten Konsumenten wollen, dass Erzeugung und Verarbeitung von Nahrungsmitteln ausschließlich in der Region ablaufen sollten.

Eine weitere Unschärfe bei der Betrachtung regionaler Lebensmittel entsteht dadurch, dass Konsumenten Unterschiede machen. So fand die Stiftung Warentest heraus, dass 80 Prozent bei frischem Obst und Gemüse auf die regionale Herkunft achten, während dieser Aspekt bei Konserven und Tiefkühlprodukten kaum eine Rolle spielt. Bei Fleisch, Wurst und Molkereiprodukten bevorzugt etwa jeder zweite regionale Produkte.

Angesichts von Lebensmittelskandalen wird für viele Konsumenten die räumliche Nähe zum Hersteller zur Vertrauensfrage. 72 Prozent der von der Stiftung Warentest Befragten meinten, sie kauften Lebensmittel von regionalen vertrauenswürdigen Herstellern. 53 der Betroffenen ergänzen ihr Vertrauen in den Hersteller um die Ecke durch Informationen von Verbraucherorganisationen.

Natürlich spielt auch für mich Vertrauen eine wichtige Rolle. Deshalb habe ich mich anderen Hamburgerinnen und Hamburgern angeschlossen und mit ihnen in Eimsbüttel eine Essenskooperative (Foodcoop) aufgebaut, die vom Kattendorfer Hof vor den Toren Hamburgs beliefert wird. Vor ein paar Wochen habe ich mir den Hof mit eigenen Augen angeschaut.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bewirtschaften rund 150 Hektar, erzeugen Gemüse, Kartoffeln und Getreide. Zudem werden auf dem Hof Rinder und Schweine artgerecht gehalten. Eine Meierei, in der Käse produziert wird, gehört ebenfalls dazu. Die Landwirte, so heißt es auf der Internetseite, bemühten sich um eine „unserem Land angepassten Fruchtfolgen und eine Tierhaltung, die von dem lebt und gedeiht, was auf unseren Feldern und Weiden wächst.“

Das Prinzip Foodcoop ist einfach. Jedes Mitglied entscheidet, wie viele Ernteanteile es beim Kattendorfer Hof kaufen will. Ein halber Anteil ist genauso möglich wie ein ganzer oder mehrere. Außerdem wird eine vegetarische Version angeboten, für all jene, die kein Fleisch essen.

Ein Ernteanteil umfasst pro Woche 2,5 bis drei Kilogramm Gemüse, 800 Gramm Fleisch und Molkereiprodukte entsprechend 8,75 Litern Milch. Wer beispielsweise Butter haben möchte, der muss rechnen: 100 Gramm entsprechen einem Liter Milch. Das Geld fließt mit Hilfe einer Einzugsermächtigung monatlich an den Hof: 178 Euro pro Ernteanteil.

Das Besondere an dieser Form von Foodcoop: der Kattendorfer Hof liefert die von uns bestellte Gesamtmenge an Lebensmitteln an einen von uns angemieteten Lagerraum. Wir müssen dann Woche für Woche die Nahrungsmittel unter uns aufteilen.

Was an und für sich einfach klingt und bei Kartoffeln beispielsweise auch einfach ist, wird bei anderen Gemüsesorten, Käse, Fleisch und Wurst schon etwas schwieriger. Bei einem geschlachteten Rind beispielsweise ist klar, dass nicht jedes der Coop-Mitglieder Rinderfilet haben kann. Also muss man miteinander reden, Rücksicht nehmen – eben solidarisch miteinander umgehen.

Natürlich fragten wir uns, ob damit nicht schon Streit unter den Coop-Mitgliedern programmiert ist. Sicher müsse man darauf achten, dass einzelne Mitglieder nicht benachteiligt würden, sagt Bitta Johannessohn vom Kattendorfer Hof, die uns in der Gründungsphase begleitete. Allerdings falle auf, dass Leute, die vor allem auf ihren eigenen Vorteil bedacht seien, sich aus einer Foodcoop rasch wieder verabschiedeten.

Der Kattendorfer Hof liefert natürlich nur das, was gerade reif ist. Ein Teil meiner Ernährung richtet sich also nach den Jahreszeiten. Am gestrigen Freitag beispielsweise wurden frische Kartoffeln, Mangold, Zwiebeln, Spitzkohl und Möhren geliefert. Damit steht fest, dass es am Wochenende bei mir leckere Bratkartoffeln mit untergerührtem Ei geben wird.

4 Reaktionen zu “Essen vom Nachbarn”

  1. Astrid R.am 6. November 2013 um 23:13 Uhr

    Vielen Dank für diesen tollen Artikel. Ich habe mich sehr gefreut, dass der „Ruck“ der durch die Gemeinde geht mittlerweile so groß ist. Als wir vor einem Jahr Mitglieder in der Wirtschaftsgemeinschaft Buschberghof wurden, haben uns ähnliche Gedanken getragen. Das Prinzip dort ist etwas anders als beim Kattendorfer Hof, aber die Idee ist dieselbe. Für alle Interessierten gibt es ein Webside auf der man sich über weitere Höfe informieren kann http://solidarische-landwirtschaft.org .

    Wer aus ökologischer Sicht Verantwortung übernehmen will, kommt – meiner Meinung nach – um das Umdenken nicht herum. Das fängt dann schon mit dem Kochen „nach der Saison“ an. In der Tat ist diese Versorgungsform fast am einfachsten, wenn man regionale Produkte einkaufen möchte. Allerdings ist es eben eine Gemeinschaft, die ihre eigenen Regeln hat und man muss Kompromisbereit sein.

    Bei den anderen Produkten kann man zumindest darauf achtet, dass sie, wenn schon nicht Bio, aber doch FAIRTRADE produziert werden (El Puente ist da sehr empfehlenswert). Die Passage mit dem Kaffee kann ich sehr gut nachempfinden. Was man aber auch ehrlicherweise sagen muss ist, dass ein Winter mit viel Kohl auch verdammt lang werden kann ;-). Man freut sich dann schon sehr auf das erste frische Gemüse im Frühjahr…

  2. Daniela Bönigkam 13. November 2013 um 20:31 Uhr

    Hallo Herr Schirg,

    schauen Sie mal, was wir bereits im Jahr 2005 genau zu diesem Thema im Rahmen eines Wirtschaftprojekts der Ausbildung erstellt haben.

    Aufgrund Ihres Vorhabens haben wir uns daran erinnert und es wieder ausgegraben.

    Passt doch, oder? Vielleicht kann man ja etwas daraus machen:

    http://www.vien.de/etc/start.html

    😉

  3. Oliver Schirgam 19. November 2013 um 11:24 Uhr

    Sehr geehrte Frau Bönigk,tolle Idee. Wie kann ich Sie telefonisch erreiche? Vielleicht per Mail an oliver.schirg@abendblatt.de.

  4. Daniela Bönigkam 13. November 2013 um 20:33 Uhr

    Wirtschaftsprojektes… Bitte bei eventueller Veröffentlichung korrigieren. Danke 🙂

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